
Im „Hotel Tiavo“ gibt es Suiten für Rausch, Sommer, Disco, Abgrund und Katerfrühstück – und nun auch ein Zimmer, in dem die Liebe erst mal an der Rezeption diskutieren muss: Mit „erzähl mir nichts von liebe“ erscheint von Tiavo gemeinsam mit Paula Carolina einer der schärfsten Schlüsseltracks aus dem kommenden Doppelalbum „Hotel Tiavo“, das am selben Tag erscheint. Man kann ja viel behaupten, wenn das Licht gut fällt und die Minibar noch nicht leer ist. Man kann große Worte machen, Hände halten, sich in Versprechen einwickeln und darauf setzen, dass der nächste Morgen nicht nachfragt. „erzähl mir nichts von liebe“ setzt genau dort an, wo romantische Ausreden langsam hohl klingen: an diesem Punkt, an dem man zwar noch mitten im Gefühl steht, aber der eigenen Verklärung schon nicht mehr ganz über den Weg traut. Dass Tiavo sich für diesen Track Paula Carolina ins Hotel holen, ist dabei mehr als nur ein schönes Feature auf der Gästeliste. Paula gehört längst zu den eigenwilligsten Stimmen des deutschsprachigen Indie-Pops: hellwach, pointiert, beweglich zwischen NDW-Attitüde, Rockenergie und Pop-Unmittelbarkeit. Vor allem aber bringt sie genau diese Mischung aus Verletzlichkeit und Widerspruch mit, die ein Anti-Liebeslied braucht, damit es nicht zur Pose wird. Musikalisch bleibt der Song über weite Strecken dicht am Puls: knapp dreieinhalb Minuten, nach vorne gemischt, mit diesem Tiavo-typischen Druck zwischen Synth-Wave, Indie-Kante und Pop-Refrain, der sofort hängen bleibt. Kurz macht der Track Raum für eine schmalere, fast intimere Passage, bevor er wieder anzieht – als würde man im Aufzug des „Hotel Tiavo“ für einen Moment stecken bleiben, nur um danach mit noch mehr Wucht in der nächsten Etage auszusteigen. Inhaltlich trifft hier die Tiavo-Lust am großen Bild auf Paula Carolinas Blick für die kleinen Risse im Alltag. Wo andere aus Liebeskummer Pathos machen, suchen Tiavo und Paula eher nach dem Moment, in dem man sich selbst beim Glauben-Wollen erwischt. Der Titel klingt wie eine Abwehrbewegung, aber darunter liegt natürlich genau das, was ihn so gut macht: die Sehnsucht, dass doch noch irgendwas davon wahr sein könnte. Damit fügt sich „erzähl mir nichts von liebe“ perfekt in die Welt von „Hotel Tiavo“ ein. Das Album ist als Ort gedacht, an dem unterschiedlichste Menschen mit unterschiedlichsten Geschichten auftauchen – und dieser Track wirkt wie die Szene an der Bar, kurz nach Mitternacht: zwei Stimmen, ein halbvolles Glas, zu viel Wahrheit im Raum und die Erkenntnis, dass Liebe manchmal erst dann interessant wird, wenn man ihr nicht mehr alles glaubt. Obwohl „die Band mit dem Fernseherkopf“ in den Socials zuletzt eher unter Hashtags wie #ndw und #neuedeutschewelle zu finden war, haben sich Tiavo aus Saarbrücken noch nie lange auf einer Genrebaustelle aufgehalten: Angefangen als Rap- bzw. Crossover-Projekt, brachte der 2016er EP-Titel „Fast unfassbar“ die Sache schon ziemlich gut auf den Punkt. Anfangs ein Duo, das sich mittlerweile als Kollektiv bezeichnet, ging schon das erste Album „Oh Lucy“ (2018) in die Top-25. Nach Touren mit Acts wie NF oder Mike Shinoda schlugen Tiavo in diesem Jahrzehnt ein komplett neues Chapter auf – zwischen Indie-Gitarren, hyperaktiven Synths, NNDW, French-Wave, Disco, Kraut und allem, was im „Hotel Tiavo“ sonst noch durch die Lobby läuft. Paula Carolina wiederum hat sich seit ihrem Debütalbum „Extra“ und dem 2026 erschienenen Nachfolger „wild“ als Künstlerin etabliert, die keine Schublade lange geschlossen hält: tanzbar und kritisch, lustig und unbequem, direkt und trotzdem voller Zwischentöne. Genau deshalb passt ihre Stimme hier so gut hinein – nicht als romantischer Gegenpol, sondern als Komplizin in einem Song, der die Liebe nicht abschafft, sondern ihr nur endlich mal die bequemen Ausreden klaut. Ein Song wie ein später Check-out aus der großen Gefühlslüge: wach, treibend, bittersüß – und viel zu catchy, um ihm nicht doch zu glauben.
