Schluma

Oktober 2024, das Wintersemester an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg –kurz „HAW“ –hat grad begonnen. Aus einem Mangel an Alternativen hat Lenny Hirschgänger sich für Soziale Arbeit eingeschrieben und schleppt sich an einem Montagmorgen um 10 Uhr in die Hochschule. Er trägt ein Shirt von „Die Nerven“ und sitzt in seiner ersten Vorlesung [Grundkurs: Gegenstand und Funktion Sozialer Arbeit, Raum ZG10]. Nach ein paar Minuten ist Lenny sich plötzlich absolut sicher: „Mein Dozent ist der Bassist von Tocotronic.“Also Handy raus, Suchmaschine eingeschaltet, aber schnell ist klar –nein, mein Dozent ist leider doch nicht Jan Müller.In echt heißt der neue Dozent Peter Tiedeken, und er ist Professor für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Musik –aber so ganz falsch liegt Lenny trotzdem nicht: Zwar ist er nicht der Bassist von Tocotronic, war aber (Ex-)Mitglied zahlreicher Indie-Bands (u. a. One Man And His Droid, Robocop Kraus, Duchamp, Station 17, Saboteur, PALE und zuletzt TDK). Alles Bands, die ganz gut rumgekommen sind. Über das „Nerven-Shirt“ kommen die beiden schnell ins Gespräch und stellen fest, dass sie zwar einen Altersunterschied von über 20 Jahren haben, aber eigentlich ganz ähnliche Musik mögen. Schon nach kurzer Zeit verabreden sich Peter und Lenny im Proberaum der HAW für die Pausen zwischen den Vorlesungen.Lenny bringt dazu seinen Kumpel Linus Ollmann mit. Den kennt er bereits seit der 7. Klasse, gemeinsam haben sie schon in zahlreichen Projekten Musik gemacht, die alle nach einer Mischung aus 90s Grunge und Vaporwave klingen. Derzeit spielt Linus eigentlichbei einer lokalen Metalband, aber so richtig Bock bringt es nicht. Mit Lenny und Peter ist das sofort ganz anders. Die wissen aber auch seine schier unendliche Sammlung an M&M’s-Emojis zu schätzen.Kurze Zeit später steht eine vierte Person im Raum, auf Einladung von Peter: In einem anderen Kurs lernte er Pola Musenberg kennen. Die ist zwar Gitarristin, hat ihre eigene Musik jedoch vorzugsweise am Computer zusammengebaut. Schon länger hat sie Lust auf eine Band, die auch live spielt. Mit den musikalischen Referenzen, die durch den Proberaum geschmissen werden, hat sie eigentlich keine Berührungspunkte –doch dass hier gerade etwas „passiert“, das spürt sie auch: „Es war richtig geil, mit der Musik, die wir gemacht haben, erstmal gar nichts anfangen zu können. Das war für mich eine völlig neue Art, mein Instrument zu spielen“, erinnert sich Pola, die musikalisch selbst eher Richtung Hyperpop und Lo-Fi geht. Zu viert entstehen so zwischen Mensa, Seminarpausen und Semesterferien die ersten Songs einer Band, die mal schluma getauft werden wird und die im September 2026 ihr Debütalbum „Heulen am Wasser“bei Grand Hotel van Cleef veröffentlichen wird –und damit beginnt eine der schönsten Geschichten, die in Musikdeutschland seit Langem passiert ist. In den Pausen entstehen insgesamt 16 Songs über die besonders skurrilen Typen auf dem Schulhof, die den lieben langen Tag in der Mensa rumhängen, nur um dort arme Seelen vollzulabern (Song: „Uni Mensa Schwerverbrecher“). Songs über Leute, die sich selbst absurd ernst nehmen, allerdings nicht auf eine unangenehme, sondern auf eine ziemlich liebenswerte Art. (Song: „Starstruck“) Die Geburtsjahre der vier Mitglieder liegen zwischen 1979 und 2004, ein age gap, der in der Sozialen Arbeit uncoolerweise „intergenerativ“ genannt wird.Lenny wird vor allem von seinem Vater geprägt, der auch Musiker ist und in Bands spielt. Neue Deutsche Welle, Punkrock –und ja, auch Tocotronic –sind omnipräsent in seiner Kindheit am Hamburger Stadtrand. Wahrscheinlich aus Trotz macht er seine ersten eigenen musikalischen Gehversuche lieber im Hip-Hop und Deutschrap, veröffentlicht sogar einige Tracks. Aber irgendwas liegt quer, ihm fehlt etwas, das Erlebnis ist zu digital.Pola, Linus und Peter kommen teilweise aus diametralen Quadranten des musikalischen Spektrums, spüren jedoch den perfect fit. So werden zwischen den Bandmitgliedern Mixtape-ähnliche Streaming-Playlists ausgetauscht, um sich Lieblingsmusik zu zeigen, und die Schnittstellen sind schnell gefunden.Bands wie Die Nerven, Tocotronic, Anda Morts, Swutscher, aber auch die Foo Fighters und Echt! –ja, genau die mit „Du trägst keine Liebe in dir“ –wecken den gemeinsamen Wunsch, „epische Musik zu spielen, bei der man trotzdem immer viel fühlt. Und nur weil wir nicht perfekt an den Instrumenten sind, heißt das nicht, dass man es nicht trotzdem drauf anlegen kann“, beschreibt Lenny den Anspruch der Band.Zwischen 90er-LoFi-Indie, noisy Emo, Diskursrock und Asselpunk finden schluma einen Klang, der einer geteilten Intuition folgt und eine Leichtigkeit und Unbekümmertheit vermittelt, die sich heute kaum eine Band mehr traut –und der vor allem dafür gemacht ist, live gespielt zu werden. Dafür, unmittelbares Feedback zu erfahren, erlebt zu werden und nicht nur als Datenbrei dahin zu existieren.Die ersten Auftritte finden auf Uni-Partys statt, es wird improvisiert, viel Unsinn auf der Bühne erzählt, geschrammelt, verspielt, neu angesetzt. Musik in Echtzeit. „Anfangs habe ich diese Band nicht so richtig ernst genommen“, gibt Peter offen zu. „Aber nach den ersten Auftritten war nicht von der Hand zu weisen, dass wir uns so perfekt verstehen, und noch nie ging es so schnell mit dem Liederschreiben.“Auch beim Texten ergänzt man sich beinahe magisch: Mit einem spürbaren Bock am Wort besingen schluma mal schiefe, mal ganz alltägliche Figuren und Situationen, die ihnen im Hochschulalltag begegnen –„Heulen am Wasser“ist ein Album wie ein Pausenhof. Und auf dem tummeln sich nicht nur die anderen, sondern auch die Bandmitglieder selbst –„Cringe Gefängnis“textet Lenny über Peter. Ein Lied über den hohen Preis, den man zahlt, wenn man alles uncool findet, sogar am Ende sich selbst. Peter wiederum schreibt mit „Ich bin ein Außenseiter dieser Republik“ über Lenny ein Stück über die maximale Überforderung mit dem, was in der Welt gerade los ist, und der Entscheidung, damit nichts zu tun haben zu wollen. Gemeinsam hingegen entsteht „Kältewarnung“, in dem sie selbsterlebte komplizierte Beziehungsverläufe und Muster zusammen in Worte fassen. Zwischen Wortwitz und Ernsthaftigkeit entsteht multiperspektivische Lyrik, die trotz null geschwollenem Vokabular Lust darauf macht, sich immer wieder mit ihr zu beschäftigen.schluma begreifen sich nicht als Mitglied einer Bewegung, aber als Teil einer Hamburger Szene, in der es mehr um Haltung als um einen bestimmten Sound geht. Es ist ein Umfeld frei von Karriereneid und musikalischen Grenzen, das sich organisch Stück für Stück um schluma bildet. Der Trend in der Musikindustrie™, zuletzt meist Solo-Artists in der Karriereförderung zu bevorzugen (Personenkult, niedrigere Produktionskosten, die leichtere Vermarktbarkeit … such dir was aus), ist an ihnen glücklicherweise vorbeigegangen.„Wir haben in den letzten Monaten und Jahren locker mehr als 10.000 Leute kennengelernt, die entweder selbst in extrem coolen Bands spielen oder irgendwelche anderen absurden Projekte betreiben. So viele Bands in Hamburg gab es schon lange nicht mehr“,sagen sie.Folgerichtig feiern schluma die Veröffentlichung ihres ersten Albums Anfang September 2026 im Hamburger Club Indra mit dem „10.000 Leute Festival“:„Diese Leute haben wir jetzt einfach alle eingeladen. Das sind Bands, die musikalisch total unterschiedlich sind, die aber alle etwas Ähnliches antreibt. Alle haben das gleiche Bocklevel und wollen was reißen. Wir hängen eh ständig gegenseitig auf unseren Konzerten ab, also machen wir jetzt ein Festival draus.“In Zeiten, in denen es im Themenkomplex Musikbusiness eigentlich ausschließlich um Krise, Algorithmus und maximale Verwertbarkeit geht, rufen schluma das Ende des Perfektionismus aus. Anstatt sich zu fragen, wie man online möglichst cool aussieht, denken sich Pola, Linus, Peter und Lenny lieber darüber nach, „wie man eine gemeinsame Erfahrung möglichst nah am eigenen Gefühl oder ein bisschen lustig ausdrücken kann.“–Denn spätestens jetzt ist digital halt nicht unbedingt besser, und diese Band ist der Gegenentwurf zu fast allem, was einem sonst heute angeboten wird.„Neue Hamburger Hochschule“ könnte man das nennen, und es wäre wahr. Aber viel richtiger ist noch: schluma sind die Band, die wir gerade alle gut gebrauchen können. Endlich! P.S.: Findige Leser*innen werden sich die Herkunft des Albumtitels herleiten können. Beim Bandnamen wird’s schon schwieriger …

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