
Sechs Monate nach Vol. 1 veröffentlicht Haiyti den zweiten Teil ihrer “Oubliette”-Reihe. Wirkte Vol. 1 noch wie eine Sammlung vergessener Loosies, so zeigt sich mit den acht Songs von Vol. 2 ein Muster. “Oubliette” ist ein Ventil und eine Plattform für Musik, die Haiyti selbst als “innerlich und schmerzhaft” bezeichnet, aber auch als “experimentell und frei”. Die Seele mag gefangen sein, aber der Geist hat keine Grenzen. Wörtlich übersetzt ist eine Oubliette ein Kellerverlies oder sonst ein unterirdischer Kerker: ein Ort jedenfalls, an dem wenig Freiheit und noch weniger Tageslicht ist. So klingen die Songs. Haiyti verarbeitet darauf zerbrochene Liebe und enttäuschte Hoffnungen mit ihrer eigenen Mischung aus Verletzlichkeit und Krawall. Im einen Moment wird gegen Fuckboys, Loser und Ratten geschossen. Im nächsten Moment träumt sich Haiyti in eine Welt von Geborgenheit und bedingungslosem Glück. Weil: In Wahrheit sind beide Emotionen sowieso eins, Kehrseiten derselben glitzernden Medaille, nur eben in anderem Licht. Die Musik dazu hat Haiyti selbst produziert (im Fall der aktuellen Single „Endgame / Raub & Mord“ zusammen mit ihrem langjährigen Weggefährten basscrime). Entsprechend direkt spiegelt sie ihren Kosmos zwischen den langen Schatten der Nacht und dem unerschütterlichen Glauben an die Möglichkeit einer eleganteren, edleren Welt. Zitate aus Y2K-Gangstarap und Hood-R&B, dumpfe Erinnerungen an viel zu viele Stunden in den Absturzläden und dunklen Nebenstraßen Hamburgs, treffen auf Beats, die sich auf ihrem Weg in die Zukunft selbst überholen. In den Gesangsparts schimmert der große Edel-Kitsch von Bands wie Münchner Freiheit oder Blumfeld durch, auch das Gefühl eines Hollywoods, das untergegangen ist, bevor es wirklich glänzen konnte. Herausgekommen sind einige der wildesten, gefühlvollsten, härtesten, besten Songs, die Haiyti je geschrieben hat. “Was geht auf dem Mars ab?” Wie immer verweigert Haiyti die einfache Auflösung. Weil es einfache Auflösungen nun mal nicht gibt – nur komplexe Fragen und Gefühle ohne Ende. Was geht auf dem Mars ab? Keine Ahnung. Aber diese Musik könnte dort sehr gut laufen. Haiyti hat den ECHO gewonnen, das Feuilleton um die Finger gewickelt, hunderte Millionen Streams gesammelt und noch mehr Projekte veröffentlicht. Dabei hat sie nicht einmal Zugang zu Spotify for Artists. Die alten Regeln, die alten Gewissheiten, sie gelten nicht mehr. Es ist eine neue Ära. Und King Haiyti I schreibt ihre Regeln. Die vermeintlichen Grenzen zwischen Straße und Avantgarde, Untergrund und Pop: Haiyti hat sie eingerissen. Als Einzelkämpferin im Über-Macho-Geschäft Deutsch-Rap Und als Ausnahmeartist*in in ihrem ganz eigenen Universum. Sie hat brettharten Trap gemacht, zuckersüße Straßenschlager, heillos überladenen Hyperpop, Balladen aus Benzin und Dancehall-Derivate für Menschen, die die Sonne nie zu Gesicht bekommen. Am liebsten macht sie alles gleichzeitig. Ob es in die Playlist passt? Das sollen sich andere fragen. Haiyti macht lieber Kunst – und kümmert sich um die Kasse für die nächste Nacht. Nach diversen Major Deals und zahlreichen Zusammenarbeiten mit der Producer Elite der deutschen Musiklandschaft hat sich Haiyti inzwischen komplett freigemacht – nicht nur von musikalischen Vorgaben, sondern auch von den Einschränkungen der Industrie. Sie musiziert auf eigene Faust, und das 24/7. Neue Songs, neue Styles und dazwischen die eine oder andere Bühne abreißen.
