
Alles auf Anfang, ein neues Kapitel, eine neue Ära: Mine macht sich frei. Killer, ihr sechstes Soloalbum, markiert eine Art Neustart. Und der Titel ist durchaus ernst gemeint: „Ich habe alte Versionen von mir selbst abgetötet“, erzählt Mine, „Versionen, die ich nicht mehr sein will und aus denen ich mich heraus emanzipiert habe.“ Über die letzten dreizehn Jahre hat sich Mine den Ruf als eine der prägendsten deutschen Popsängerinnen abseits des Mainstreams erarbeitet. Seit dreizehn Jahren balanciert sie auf dem schmalen Grat zwischen radikal eigenständiger künstlerischer Integrität und Massentauglichkeit. Und bleibt dabei immer echt, immer bei sich, immer Mine. Nur eben an verschiedenen Punkten ihres Lebens. Klebstoff, Hinüber und Baum, Mines drei letzte Alben seit 2019, gehörten für sie zusammen. „Die drei bauen für mich aufeinander auf und bilden eine eigene Welt, meine Dreißiger“, sagt sie. Zu diesem Abschnitt sei jetzt alles gesagt, ein neuer beginnt. Der klingt auch anders als bisher: Die Instrumentensammlerin Mine umarmt die Reduktion – weniger Instrumente, mehr Vibe. „Ich habe mich in die Welt der analogen Synthesizer hineingegeben“, erinnert sie sich und lacht. Aus der Begeisterung, einen neuen Soundkosmos zu entdecken, entstand das Gerüst für so gut wie jeden Song: Synths. „Es war erfrischend, etwas Neues zu machen, etwas, das anders ist als vorher.“ Hinzu kommt, dass sie ihr Album unabhängig veröffentlicht, auf ihrem eigenen Label. Back to the roots, quasi – nur mit mehr Wissen, Selbstbewusstsein und Willensstärke. Killer ist auch die Erzählung eines Selbstfindungsprozesses – musikalisch wie persönlich. Ein Prozess, der nie abgeschlossen ist, der Mine in den letzten Jahren aber eine neue Welle an Empowerment und Stärke gegeben hat. „Ich werde immer mutiger, weil ich mich immer weniger schäme“, beschreibt sie die Veränderung. Das letzte Jahr war anstrengend: Das Album entstand in einer Zeit, in der sie parallel an ihrer restlos ausverkauften Orchestertour arbeitete, die Tour, für die sie sich über die letzten Jahre auch zur Akrobatik entwickelte. Eine bereichernde Erfahrung, aber physisch wie psychisch herausfordernd – und Teil ihrer Entwicklung. Vielleicht sind genau deshalb ihre Texte expliziter, offener, direkter. „Diese Selbstliebe hatte ich früher nie so richtig. Aber je älter ich werde, desto mehr traue ich mich, Dinge auszusprechen, die zu mir gehören“, erklärt sie. Seit Jahren ist Mine schon eine der Künstlerinnen im deutschen Popbetrieb, denen auch zugehört wird, wenn sie sich zu gesellschaftlichen und sozialen Themen äußern. Auf Killer geht sie damit noch einen Schritt weiter. Etwa auf „Dunkel“, wo Mine ihren Weltschmerz in Hyperpop bettet und den Horror der Gegenwart in griffige, ehrliche Worte und tanzbare Beats fasst. Wo will diese Welt hin? Ein Song, der die Ängste vieler aufgreift und gerade dadurch vielleicht ein wenig Trost spendet, wo Trostlosigkeit zu regieren scheint. Oder das programmatische „Eat the Rich“, das doppelbödiger daherkommt, als der Titel vermuten lässt, und neben Systemkritik auch die Doppelmoral performativen Aktivismus offenlegt. Lange genug hat Mine solche Entwicklungen in der Musikindustrie aus ihren verschiedenen Perspektiven erlebt. Ähnlich thematisiert das ruhige, eindringliche und darum umso eindrücklichere „Einig“ Spaltungen innerhalb progressiver Szenen und die fortschreitende Fragmentation der Gesellschaft, aber gleichzeitig auch die eigene Überforderung und Uneinigkeit darüber, wie man in dieser Gesellschaft mit sich und einander umgehen soll. Der Titeltrack „Killer“ beschreibt den schmerzhaften Prozess persönlichen Wachstums, der nicht nur aus Leichtigkeit besteht. „Es war Arbeit, harte Arbeit“, singt Mine im Refrain. Es ist diese Ehrlichkeit, die ihre Texte ausmacht: emotionale Dringlichkeit, gepaart mit klugen Beobachtungen und vielschichtigen Kompositionen. Die Synths tuckern, Streicher und Chöre greifen ineinander, und als Kirsche on top zitiert Mine hier Cher. Auf „Ohne Dich“ dagegen erinnert ihre Produktion an Giorgio Moroder und gibt mit ihrer Mischung aus Rave und Melancholie den Soundrahmen für die klassische Breakup-Ballade“, wie Mine den Song beschreibt. Veränderung ist mühsam und oft schmerzhaft – so die Botschaft von Killer. Aber es ist ein Schmerz, auf den einzulassen sich lohnt: Am Ende können ein neues Ich, neue Erfahrungen und Lebensfreude stehen. Das zeigen Songs wie die Ravehymne „Oxytocin“, das sexuelle Befreiung und Lust am Leben – und Lieben – feiert, oder „Lichter aus“, das Überforderung thematisiert und zugleich den Versuch, einen eigenen Weg in dieses „Erwachsenenleben“ zu finden – getragen von einem schillernden, mitreißenden Synthie-Sound. Entstanden ist der Song kurz nach dem Ende ihrer Orchestertour, und neben dem Erwachsenenleben an sich, setzt sich Mine darauf auch mit dem Preis auseinander, den sie für ihr ambitioniertes Projekt bezahlt hat, und mit den körperlichen und mentalen Blessuren, die sie davonträgt. Erfolg und Wachstum haben auch eine dunkle Seite, und Mine scheut nicht davor weg, sie anzusprechen. Mit Killer häutet sich Mine, wirft ab, was nicht mehr passt, und bleibt dabei ganz bei sich. Vielleicht mehr denn je. Ein Geschenk, dass wir ihr dabei zuhören dürfen.
