Dicht & Ergreifend

Motivierter denn je? Egal! Messlatte noch höher? Egal! Meilenstein in ihrer Album Historie? Nicht egal! Dutti & Urkwell lehnen sich mit ihrer ersten Single-Auskopplung »Egal« weiter aus dem Fenster als rauchende Frührentner mit Ellbogenkissen. Warum? Sie brechen alle Erwartungshaltungen – und das auf Album-Länge. Auf »Egal« war ihnen so ziemlich alles schnurz-piep. Das Dialektgewand wurde abgelegt und auch politische Spitzen muss man eher suchen als von ihnen überrollt zu werden. Wohl die deepeste Line auf dem Track und selbst in ihr ist eine gazellenhafte Leichtigkeit zu spüren. Die Lyrics fliegen über einen Disco-Funk-Beat der hält was er verspricht wie die Wettervorhersagen in der Schweiz und es dabei in puncto Swag & Soul mit einer afrokubanischen Salsa-Truppe aufnehmen kann. Wer hier nicht tanzt ist entweder im K-Hole oder Scheintod. Vor allem wenn geheiratet wird. Die beiden Rapper geben sich im Video endlich das Ja-Wort, gefolgt von einem Zungenkuss den man so nur auf OnlyFans sehen würde. Vermählt von der Drag-Queen »Barbie Q«, flankiert von einer queer-barocken Hochzeitsgesellschaft die es versteht, ihren Hedonismus in alkoholfreier Cremant-Schorle auszuleben. Jeder verkehrt hier mit jedem, Kommune 1 Pionier Rainer Langhans würde sich in so einer Konstellation womöglich noch ein letztes Mal seine Eier rasieren. Dass ausgerechnet zwei fahnenflüchtige Exil-Berliner zum Phänomen der deutschen Hip-Hop-Landschaft werden, gehört zu jenen schönen Pointen, die sich keine Plattenfirma hätte ausdenken können – wohl auch deshalb sind Lef Dutti und Urkwell seit der Gründung von »dicht & ergreifend« 2014 ohne Major im Rücken geblieben. Ihr Debütalbum »Dampf der Giganten« (2015) stieg völlig unerwartet auf Platz 4 der offiziellen deutschen Hip-Hop-Charts ein, ein Einstand, der mehr über das Gespür der Band für den Nerv ihres Publikums verrät als jede Marketingstrategie. Es folgten »Ghetto mi nix o« (2018, Platz 27 der deutschen Album-Charts) und »Es werde Dicht« (2023, Platz 15 der deutschen Album-Charts), über 100 Millionen Streams sowie ein zehnjähriges Jubiläum, das standesgemäß auf einer Rundbühne mitten in der ausverkauften Olympiahalle München gefeiert wurde. Dass die beiden 2023 den Kulturpreis Bayern dankend ablehnten und das Preisgeld stattdessen einem humanitären Hilfsprojekt zukommen ließen, passt ins Bild einer Band, die sich Anerkennung lieber selbst erspielt als verliehen bekommt. Mit ihrem vierten Studio-Album »Zweiländerdreieck« wagen Dutti & Urkwell nun den nächsten Bruch mit der eigenen Identität: Die Hälfte der Songs erscheint erstmals auf Hochdeutsch – ein echtes Novum ihrer Bandgeschichte.

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