Lehmanski

Die Hamburger Schule ist – Standpunkt hier und heute – so etwas wie der Altbau der deutschen Popkultur: etwas abgeranzt, der Putz bröckelt hier und da – aber sie brachte uns eben auch den unverwechselbaren Charme handgemachter Musik und intellektueller Übungen statt schnödem „Baby, I love you so“. Es wurde gedacht, zitiert, reflektiert – und zwar bevorzugt über alles, was einem egal sein müsste, wenn man nicht so schrecklich viel Freizeit hätte, um sich darüber aufzuregen. Die Zeiten sind vorbei – einerseits. Andererseits aber eben nicht: Denn Lehmanski lässt die Grundidee der Hamburger Schule auf „Strandkorb der Gemütlichkeit“ nochmal nachsitzen – wenn auch unter anderen Vorzeichen. Es geht nicht nur um den Zweifel, das „Dagegen“ oder ein ambivalentes „Weiß auch nicht!“ als Haltung, sondern hier und da um die schönen Dinge und das leichte Leben – auch ohne intellektuellen Überbau. Dieses Spannungsfeld lotet Lehmanski nicht nur mit fluffig-eingängiger Textarbeit aus, sondern vor allem durch stilsicheres Musizieren mit Schmackes. Ja, er liefert genau das, wofür sein Name inzwischen steht: ehrlichen, melodischen Indie zwischen schrabbelnden Wonneproppen-Gitarren und raffiniertem Songwriting – rau, unmittelbar und garantiert ohne Filter. Nach der Single „NEU NEU NEU“ – erschienen am 2.8.2024 bei Mofapetra-Records – meldet sich Lehmanski jetzt mit neun weiteren Tracks zurück und bestätigt nochmal im Nachhinein die Verkehrsfähigkeit der Jury, die ihm 2023 einen Deutschen Rock- und Poppreis in der Kategorie Beste Alternative-Band zuschrieb. Und was hört man so? Indiegitarren im Vorwärtsgang, Aufbruchsstimmung, Humor mit Haltung. Die Einflüsse reichen von Tocotronic, Die Sterne und Blumfeld über The Cure und Hüsker Dü bis zu den Pixies und den Wipers. Das alles ist überwiegend „independent“ produziert im Wohnzimmerstudio, also im bekannten (Bl)umfeld aus Kabelsalat und Couchtischmischpult. Aber: Durch die intensive Mitarbeit und das Coaching von Tonkutscher „Ruebi“ Walter klingt es eben doch reif: Wo nötig, ist der Sound fett und dynamisch. Es geht aber auch gemächlicher zu wie beim Titelsong „Strandkorb der Gemütlichkeit“ oder bei „Wir sind da, wo wir jetzt stehen“ – dem letzten Lied des Albums, das sich getragen und emotional ausbreitet. Den Anspruch, keine Sekunde lang zu langweilen, unterstreicht auch die illustre Riege der Mitstreiter*innen, die gemeinsame Sache mit Lehmanski mach(t)en. Und genau das macht „Strandkorb der Gemütlichkeit“ am Ende so fein und langzeittauglich: Es gibt nicht nur das stilprägende Instrumentarium aus Stromgitarren und Drums, sondern wir hören hier und da eine Trompete aufscheinen, ein Saxofon röhren, eine Orgel eiern. So gibt es auch beim zehnten Hördurchgang noch was zu entdecken. 

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