
Wilson startet im Frühling ein doppeltes Debüt, das man in Deutschland praktisch nie erlebt: Am 1. Mai erscheint sein Rap-Debütalbum „Ausbruch aus dem Fleischgefängnis“ – und kurz davor seine erste Serienhauptrolle in der neuen RTL+ Stoner-Mockumentary „Highter & Wolkig“. Musikdebüt und Serienhauptrolle nahezu zeitgleich: ein extrem seltener Moment, der Wilson unmittelbar in den Fokus der Popkultur rückt. Was diese Geschichte besonders macht, ist die Biografie dahinter. Wilson (bürgerlich Willi Sellmann) wuchs in Wismar in einer ostdeutschen Arbeiterfamilie auf – einer „Trucker-Dynastie“, wie er selbst sagt: Vater, Onkel und zwei Brüder sind allesamt Lkw-Fahrer, ein Hintergrund, der sich auch in den Skits auf dem Album widerspiegelt. Keine kulturelle Förderung, keine Akademikerfamilie, kein früher Zugang zu Theater oder Kunst. Und trotzdem steht Wilson heute genau dort, wo man ihn nicht erwartet hätte. Am Staatsschauspiel Dresden spielte er die Hauptrolle in „Nullerjahre“ als Verkörperung des jungen Hendrik Bolz (Testo von Zugezogen Maskulin). Die Inszenierung wurde von Publikum und Kritik gleichermaßen gefeiert und zu einer der Top-10-Inszenierungen des Jahres im deutschsprachigen Raum gewählt. Ein untypischer Weg: ein Arbeiterkind aus Mecklenburg, das ohne klassische Theater-Sozialisation eine der wichtigsten Rollen des Jahres trägt. Neben der Theaterbühne stand Wilson zuletzt u. a. auch für den „Polizeiruf Rostock“ vor der Kamera und befindet sich aktuell in den Dreharbeiten zu einem Kinofilm. Parallel dazu entsteht sein Debütalbum – komplett produziert von Stoic, den Wilson 2019 als nahezu unbekannten YouTube-Producer entdeckte. Zum Zeitpunkt ihres ersten Kontakts arbeitete Stoic als Krankenpfleger in einem Krankenhaus in New York, während Wilson gerade sein Schauspielstudium in Leipzig begann. Was folgte, gleicht einem digitalen Märchen des Type-Beat-Zeitalters: Heute lebt Stoic als Produzent in Los Angeles und wurde für seine Mitarbeit an „Alligator Bites Never Heal“ von Doechii mit einem Grammy ausgezeichnet. So unkonventionell wie Wilsons Weg ist auch der Sound von „Ausbruch aus dem Fleischgefängnis“: musikalisch näher an Earl Sweatshirt, Mac Miller oder The Alchemist als an dem Techno-Rap, der gegenwärtig den deutschen Mainstream dominiert. Das Album fühlt sich an wie ein existenzialistischer Coming-of-Age-Film aus der ostdeutschen Provinz – getragen von einem introspektiven, atmosphärischen Sound. Die drei Singles erscheinen jeweils mit Musikvideos, die in einer kohärenten Schwarz-Weiß-Ästhetik gehalten sind und eher an Arthouse-Filme als an klassische Rap-Visuals erinnern. Diese Mischung – ostdeutsche Gen Z, Arbeiterkind, Theater-Hauptrolle, Rap-Debüt, Grammy-Produzent, Streaming-Serie und Kinoprojekt – existiert in Deutschland genau einmal. Wilson ist keine Figur, die man geplant hätte. Er ist eine Figur, die jetzt einfach passiert – und die man nicht ignorieren kann. Sein doppeltes Debüt im Frühjahr ist kein gewöhnlicher Release, sondern ein Einschlag. Und genau deshalb ist jetzt der Moment, über ihn zu berichten.

