Lener

Mit „Vielleicht Vielleicht“ veröffentlicht Lener die nächste Single ihres Debütalbums „Wilder Garten“, das im Oktober erscheint. Schon der erste Satz trägt den ganzen Song in sich: „Ich glaub’, ich will das hier für immer. Doch immer gibt’s nur im Moment.“ Zwei Zeilen, die beiläufig klingen und trotzdem lange nachhallen. Lener interessiert sich auch hier wieder weniger für Antworten als für die kleinen Unsicherheiten dazwischen. „Vielleicht Vielleicht“ erzählt von Nähe, von Wahrnehmung und von dem Versuch, einen Moment festzuhalten, obwohl man weiß, dass genau das unmöglich ist. Mit einer sprachlichen Präzision, die stellenweise an Judith Holofernes erinnert, entstehen aus einfachen Sätzen Bilder, die größer werden, je länger man bei ihnen bleibt. Musikalisch gehört „Vielleicht Vielleicht“ zu den eingängigsten Songs auf „Wilder Garten“. Indie-Pop mit großen Gitarren, einem Refrain, der sofort hängen bleibt, und genau der richtigen Portion Unruhe. „In meinem Kopf ein wilder Garten“ heißt eine der zentralen Zeilen des Songs – sie wurde zum Titel des Albums und gleichzeitig zum Ausgangspunkt eines Kunstprojekts, für das Lener 100 Vinylplatten von Hand bemalt. So wächst „Wilder Garten“ über die Musik hinaus: als Album, als Kunstwerk und als Einladung, das Unfertige nicht als Mangel zu begreifen, sondern als Möglichkeit. Es gibt Biografien im Pop, die beginnen mit einem Zufall oder einer Sensation. Und es gibt solche, die sich über Jahre hinweg langsam aufbauen. Stetig und beinahe unmerklich. Mit dem untrüglichen Fokus auf den nächsten Song, die nächste schöne Beobachtung, die nächste Skizze. Die Songwriterin Lener startet mit 14 ihre erste Band. Was danach kommt, lässt sich nicht in Jahreszahlen fassen – nur in Proberäumen, Bühnen, Notizbüchern. Während andere von Musik schwärmen, ist Lener längst mittendrin. Aus einer stillen Gewissheit, sich hier am nächsten zu sein. Schreiben, spielen und wieder schreiben. Heute lebt sie auf einem Hof am Stadtrand von Freising und betreibt dort gemeinsam mit ihrer Familie ein kleines Kunst- und Kulturhotel. Menschen kommen und gehen, Musiker*innen bleiben manchmal ein paar Tage länger. An den Wänden hängen Bilder von befreundeten Künstler*innen und irgendwo steht immer eine Gitarre herum. Solche Orte gibt es im Pop immer wieder – und sie haben oft eine merkwürdige produktive Energie. Der Wilco-Bassist John Stirratt ist etwa Mitbetreiber des “Solid Sound Inn”. Auch Justin Vernon hat in seiner Heimatstadt Eau Claire mit dem The Oxbow Hotel einen Ort mitgeschaffen, an dem Musiker*innen, Reisende und Künstler*innen sich begegnen. Es sind Räume, in denen Musik nicht nur gespielt wird, sondern entsteht – beiläufig, zwischen Gesprächen, Begegnungen und langen Nächten. Geschaffen von Menschen, die von Bands schwärmen, von Gitarren und Effektgeräten, die ihre Lieblingsalben in ihren Herzen hüten wie Schätze. Aber klar ist auch: Ein Hotel kennt keinen wirklichen Alltag, es ist vielmehr eine Schule der Flexibilität. Eine Universität des Troubleshootings. Leners Songwriting entspringt diesem Ort und vielleicht wirken ihre Songs deshalb so lebendig, als wären sie aus dem Alltag herausgeschnitten worden. Sätze, die man einmal gehört hat und nicht mehr los wird: „Deine Gehaltsvorstellungen sind etwas zu hoch, tut mir leid, für diesen Job ist dein Ego zu groß.“ Oder: „Bitte frag nicht, ob ich mitkommen will: ich hab keine Zeit.“ Ihre Art zu schreiben erinnert ein wenig an die lakonische Klugheit von Judith Holofernes: klare, pointierte Beobachtungen, die plötzlich politisch werden, ohne dass sie sich groß ankündigen. Leners Feminismus funktioniert ähnlich: nicht als Programmatik, sondern als Selbstverständlichkeit. Ein Tonfall, der Haltung und Humor miteinander verbindet. Dass dahinter auch eine gewisse Geschäftstüchtigkeit steht, überrascht nicht. Der deutsche Pop kennt solche Figuren: Musikerinnen wie Annette Humpe, die nicht nur Songs schreiben, sondern Strukturen bauen, Labels gründen, Karrieren organisieren. Oder Autorinnen wie Juli Zeh, deren Selbstbewusstsein aus Arbeit und Erfahrung erwächst, nicht aus Pose. Lener gehört in diese Reihe, nur dass ihr Medium eben Gitarren und Sketchbooks sind. Ihre Stücke beginnen oft mit einem schlichten Riff – Indie-Rock, der noch etwas vom Grunge behalten hat – und entwickeln dann eine eigentümliche Energie. Clever gesetzte, punkige Impulse, verpackt auf große Gitarrenbretter und in die Welt geschickt. Musik, die offensichtlich dafür gebaut ist, dass man beim Hören mit den besten Freund*innen einmal quer durchs Zimmer springt. Kein Zufall, weil Lener ihre Songs natürlich auch mit Freunden produziert: Max Wörle und Lukas Klotzbach, die auch in Leners Band spielen. Wer viel macht, weiß eben auch: die besten und wichtigsten Dinge machen alleine weniger Spaß. Vielleicht liegt genau darin ihr eigentliches Versprechen: dass eine künstlerische Identität nicht aus einem zufälligen Video oder großen Moment entsteht, sondern aus vielen kleinen Entscheidungen. Aus dem frühen Entschluss, Songs zu schreiben. Aus der Geduld, weiterzuspielen. Aus dem Mut, ein Hotel zu betreiben und gerade deshalb immer mehr zu der Künstlerin zu werden, die man sich einst im Traum selbst erschaffen hat.

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