
Auf seinem dritten Album „Bildet Banden“ singt sich Marlo Grosshardt wütend-aufgekratzt über den Zustand der Welt in einen Rausch – und zeigt dabei, dass politische Kompromisslosigkeit und große Pop-Momente zusammenfunktionieren können. Was noch tun mit dieser Welt? Mit den Rechten, die hier in den Parlamenten sitzen und anderswo schon an der Macht sind? Mit den Kriegen, von denen man dachte, es könne sie gar nicht geben? Mit den Menschen, die das tötet – und mit denen, die trotzdem weiterleben, als wäre das alles normal, gerade noch okay, irgendwie aushaltbar, vielleicht sogar notwendig? Auf seinem dritten Album „Bildet Banden“ stemmt sich der 24-jährige Musiker Marlo Grosshardt gegen den Ist-Zustand, den man so lange mit angesehen hat, dass er einem wirklich wie eine unveränderbare Tatsache vorkommt. Grosshardt tut das ohne sachte Metaphern zwischen den Zeilen, seine Wut singt er in Großbuchstaben in die Welt: So ist es. So kann es nicht bleiben. Entstanden sind die 13 Songs letztes Jahr innerhalb weniger Wochen in einem kleinen, verregneten Dorf in Portugal, weit weg von Deutschland; doch mit dem Kopf war er trotzdem dort. Gerade waren die Bundestagswahlen, Donald Trump hatte seine zweite Amtszeit angetreten – „und ich hatte zum ersten Mal ernsthaft Schiss vor dem, was da kommt“, sagt Marlo. Er weiß, dass es eine Bedrohung ist, die viele Menschen schon lange, brutaler und direkter erleben müssen. Und fragt sich doch: Was passiert, wenn es so weitergeht? Und was muss noch passieren, damit es das eben nicht tut? „Bildet Banden“ ist die Vertonung dieses Gefühls, des inneren Abfucks über all das. „Kriege ohne mich“, die erste Single-Auskopplung des Albums, ist Marlos musikalische Wehrdienstverweigerung. Er stellt sich darauf einer Zukunft, die immer wahrscheinlicher wird. Eine, in der eine Generation, der immer Frieden gepredigt wurde, an die Waffen gerufen wird. „Wenn Freiheit tötet, hau ich ab“, singt Marlo, im Wissen, dass er ein paar Jahre zu früh geboren ist, um sich diesen Fragen gerade stellen zu müssen. Aber andere eben nicht. Eine Kinderstimme singt: „Es war ganz normal, dass man uns fragt, was wir später einmal werden wollen“. Sie führt einem vor: Das sind die, die irgendwann mal schießen lernen sollen. Die Revolution war bei Marlo Grosshardt schon immer tanzbar und ja, lud auch mal zum Mitschunkeln ein. Auf „Bildet Banden“ verhandelt Marlo den Aufstand aber großformatiger als bisher. Mit vielen Streichern und sogar Rap-Feature. Dabei bleibt er inhaltlich widerständig – und zeigt, dass politische Kompromisslosigkeit und große Pop-Momente zusammenfunktionieren können. „Rasselbande“, der Eröffnungssong des Albums, stimmt mit leise summendem Chor darauf ein, der immer größer wird und sich schließlich aufbäumt, während Marlo über seine kleinen Geschwister singt, die er vor dem Sturm da draußen gerne beschützen würde. Der Chor geht zu treibenden Percussions und überlebensgroßer Orchestrierung in „Realität“ über, in dem Marlo konstatiert: „Da sitzen Nazis jetzt im Bundestag – und man muss sie auch so nennen.“ Auf „Timeline“ reflektiert Marlo die eigenen Privilegien und zieht daraus Konsequenzen: „Gehör zu denen, die zuletzt gefressen werden, also Flosse raus und nach dem Laichen sterben.“ Rapper Audio88 unterstützt mit einem rauen Feature: „Und dein Opa und dein Vater wählen schon immer CDU. Und ich frag mich jeden Tag: Wo bleibt deine Wut?“ „Kleinstadtpropaganda“ ist eine trotzig-beschwingte Folk-Ode an die Menschen, die die Vororte nicht den Nazis überlassen wollen. „Wir bleiben, bis der Kampf gewonnen ist, gibt noch paar Nasen zu riskieren“. Und was ist mit der Liebe? Mit „Viel zu viel“ wird auch ihr ein Lied gewidmet – wenn auch kein schmelzend-romantisches. Wie schnell sollte man sich ihr hingeben? Und was, wenn sie alles andere überdeckt? „Ich hab kein Auge für die Welt, ich hab Augen nur für dich“, singt Marlo. Ist „Bildet Banden“ ein dystopisches Album, weil es die Gegenwart so düster beschreibt? Oder doch ein hoffnungsvolles, weil es aufzeigt, dass die Utopie gar nicht so fern sein könnte? „Es ist ein Hilferuf“, sagt Marlo selbst. Er zeigt auf, wo sich diese Hilfe finden lässt. Nämlich, und das ist so kitschig wie auch wahr: in den Menschen, die uns nahestehen. Es sind die zärtlichen Momente dieses Albums, auf denen sich Marlo Grosshardt genau diesem inneren Kreis widmet. „Kulissen“, eine sanfte Ode an die, die ihm eine behütete Kindheit bauten. „Du baust die Träume anderer Menschen“, eine große Dankeshymne an die, die ihm das Leben auf Bühnen ermöglichen. Denn natürlich ist es beides möglich: wütend über den Zustand der Welt zu sein und dankbar für all die Menschen, die einem jeden Tag zeigen, dass man sie doch nicht aufgeben darf. „Bildet Banden“ ist darum nicht nur der Albumtitel, sondern ein Aufruf, den Marlo wortwörtlich verstanden haben will. „Das ist das, was ich gerne machen will“, sagt er. „Mittlerweile kommen so viele Leute auf meine Konzerte. Das Mindeste, was ich tun kann, ist, einen antifaschistischen Abend für sie zu gestalten. Wie schön wäre es, wenn sich dort Menschen kennenlernen, zusammen rausgehen und beschließen: Wir sind jetzt eine Bande, wir sind Verbündete?“ Natürlich hat Musik noch nicht die Welt verändert. Aber Mut gemacht und Hoffnung gespendet schon. Und wenn das kein Anfang ist – was soll sonst einer sein? „Komm, rastet aus“ sind die letzten Worte, die Marlo Grosshardt auf „Bildet Banden“ singt. Ja, kommt, rastet aus und findet euch! Marlo Grosshardt thematisiert in seiner Musik Gesellschaft, politische Realitäten und Existenzfragen, indem er Alltagsbeobachtungen, kritische Reflexionen und politische Kritik miteinander verwebt – oft mit einem poetischen, manchmal provokanten Blick. Seine Musik ist oft roh, emotional und direkt, verbindet Punk-artige Energie mit Singer/Songwriter-Intimität. Lieder wie „Christian Lindner“ sprechen explizit politische Akteure und politische Systeme an – hier etwa Kritik am turboliberalen Kapitalismus und politischen Liberalismus. Einer seiner Songs heißt „Kriege Ohne Mich“ und ist eindeutig politisch – der Song lässt sich vor allem als Antikriegs-Statement und persönliche Verweigerung gegenüber militärischer Logik verstehen.
