
Obsolet gehört zu Desolat wie der Deckel auf den Topf. Schon seit ihrer damaligen Single „Neostalgie“, wo das Wort „obsolet“ in der Hook vorkommt, gibt es den Insider-Joke, dass Desolat von Freunden auch Obsolet genannt wird. Schon damals war klar, dass irgendwann ein Album so heißen muss. Wie gut, dass die Menschheit nicht müde wird, sich selbst zu ficken, und damit der Titel des Albums aktueller ist denn je. Das Album läuft primär irgendwo zwischen Post-Punk und Grunge und scheut sich nicht davor, auch Ausflüge in andere Genre Gefilde zu machen. Beispielsweise gibt es eine Ballade, gesungen von Gitarristin Lilly, ein Drop-D-Metal-Riff-Epos und auch mehr Backing-Arrangements mit Synths und Ear Candy. Während „ückendorfication“ primär von Sänger Markus und Schlagzeuger Mogli geschrieben und eingespielt wurde und noch viel Deutschpunk in sich trug, waren bei „Obsolet“ diesmal alle fünf Musiker am Songwriting beteiligt. Außerdem wurde das Album komplett live eingespielt und am Ende wurden nur einzelne Arrangements und Dopplungen sowie die Vocals separat hinzugefügt. Während man für „ückendorfication“ gerade so zehn Songs zusammenbekommen hatte, hatte die Band bei „Obsolet“ die Qual der Wahl, aus über 30 Demos ihre Top 10 auszuwählen. Das Ergebnis überzeugt. Ein schweres Album, bei dem man mit Leichtigkeit auf Repeat drückt. Produziert hat das Album niemand Geringeres als Gregor Halsmayer aka Fazo666Fazo (Drummer von Baits und Bull Nakano sowie Produzent von lovehead, bipolar feminin, Efeu und Heckspoiler), gemischt und gemastert wurde das Ganze von Hesham „Sham“ Abd El Salam. Dafür hat sich die Band extra nach Wien begeben, um etwas vom Wiener Schmäh auf die Platte zu kriegen, den die Jungs und Mädels von Desolat so bewundern. Die Tauben auf dem Cover kommen vermutlich so manchem Social-Media-Aficionado bekannt vor. Es ist der Ende 2025 viral gegangene Post „Pigeons but shoot it like a hardcore show“ von Eddy Maynard. Desolat haben sich exklusiv die Verwertungsrechte beim UK-Fotografen gesichert, da sie wussten: Niemals könnten sie selbst ein so passendes Cover für ihr zweites Album entwerfen. Wieso passend? Weil Stadttauben sinnbildlich für Obsoleszenz stehen. Denn Technik macht nicht nur sich selbst überflüssig und geht irgendwann gezielt kaputt, sondern Technik kann auch andere Lebewesen per Innovation in die ewige Verdammnis befördern. Waren Tauben, vor allem im Ruhrgebiet zur Hochphase von Kohle, Bier und Stahl, eine beliebte Freizeitbeschäftigung der Kumpel und pflegten sie damit nicht so manche Brieffreundschaft, war mit Schließung der Zechen irgendwann für die Kolumbarien des Potts zappenduster. Seither laufen Tauben rastlos und ungeliebt durch unsere Städte, quasi als Mahnmal, dass es uns irgendwann genauso gehen wird, wenn wir nicht aufhören, uns selbst, den Planeten und alles Lebenswerte zu zerstören. Fun Fact: Kolumbarium stammt aus dem Lateinischen (columbarium) und heißt übersetzt Taubenschlag, ist heutzutage aber vor allem als Bauwerk zu Aufbewahrung von Urnen und Särgen geläufig – wie passend! Denn die Innenseite des Albums zeigt einen verlassenen Taubenschlag, fotografiert vom lokalen Künstler Ole-Kristian Heyer, der auch schon das Cover von „ückendorfication“, aber auch „Die besten Jahre“ von International Music fotografierte. Die offene Tür wirkt bedrohlich und hoffnungsvoll zugleich: Verbirgt sich dahinter der Weg in ein besseres Jetzt oder die finale Katastrophe? To be continued.
