
Nichts zurück ist die finale Single von AB Syndroms Album ABRISS und markiert das dunkle Finale des Zerreissen des Wir in seine Einzelteile. Im Fokus liegt ein Paar, kämpfend umeinander kreisend ohne voneinander loszukommen, tanzend mit pumpendem E-Bass auf stampfender Bassdrum dem emotionalen Untergang entgegen. Nur um sich dann am dunkelsten Punkt gegenseitig aus der ganzen Scheisse wieder hochzuziehen. Doch du reichst mir deine Hände hinunter, und ich schlage ein. AB Syndrom erlangten 2017 mit „Flaggschiff“ erste Bekanntheit (Radio-Airplay, 2,5 Mio. Streams). Die Berliner arbeiten konsequent DIY: Produktion, Artwork und Videos entstehen in Eigenregie. Ihr Sound verbindet elektronische Experimente mit persönlichen, poetischen Texten. Live setzen sie alles ohne Backing-Tracks um. Nach Touren (u. a. mit Mine, international), Releases und Festivals etablierten sie sich weiter. 2026 folgt eine neue Albumtour. ABRISS, das neue Album von AB Syndrom, handelt vom Zerreissen des „Wir“ in seine Einzelteile. Und dem Klarkommen darauf was danach noch übrig ist. Nach ihrer früheren Auseinandersetzung mit Männlichkeitsbildern auf “Implosion” richtet die Band den Fokus auf das eigene Verhalten im Konflikt: Wenn Beziehungsdynamiken, partnerschaftliche Muster und individuelle Verhaltensweisen auseinandergerissen werden. In „Du fehlst in meinem Life“ ist der emotionale Bruch ein selbstverursachter Zustand, der ausgehalten werden muss. “Nichts zurück” zertrümmert die Bindung erst, um dann selbstzerfressen doch nicht loszukommen. “Anders” handelt davon sein Verhalten ändern zu wollen, aber nicht zu können und läuft auf die Frage zu: „Wird man ein anderer wenn man einander verliert?“ – Entwickelt man sich nach Abriss der Bindung ohne einander wirklich weiter oder geht das überhaupt nur zusammen? In diesem Spannungsfeld formuliert ABRISS auch eine politische Haltung – Nicht als Parole, sondern als gelebte Praxis. Gegen die Renaissance tradierter Rollenbilder mit Alpha-Mentalität und Red-Pill-Logik, dem Rechtsruck in Deutschland und der Welt setzt das Album auf radikale Offenheit und kritische Selbstreflexion. Musikalisch entwickelt das Album den experimentellen Pop-Ansatz der Band weiter: Statt den Fokus wie bisher auf digitale Klangerzeugung zu legen, bilden jetzt organische Sounds das Fundament. Klassische Pop-Instrumente wie Gitarre, Klavier und Bass werden aufeinander geschichtet, klassische Strukturen dekonstruiert, und bekannte Pop-Tropen in ihre Bestandteile zerlegt. Das erzeugt einen Sound voller Brüche mit melancholisch-melodiösen Bassläufen, euphorisch zerpitchten Gitarrenriffs und phasig-verwirrt gurgelnden E-Pianos, Fragmente — zerrissen und wieder zusammengesetzt. Das Resultat ist ein Konzept-Album bei dem sich der Riss durch alle Ebenen zieht. Durch Videos, Fotos, Outfits, Bennets reißende Stimme im Refrain von “Kann nicht einfach alles so bleiben”, Antons zerschnittene Drums auf “Anders”, durch Songtitel wie “Zusammen Reißen” oder “Seidenen Faden”, Songabrisse — und durch jedes einzelne von Hand zerrissene LP-Cover. Aber komplett zerlegt lässt einen das Album nicht zurück — der Heilungsprozess beginnt getragen auf “Schulter[n]” um Dinge langsam wieder zusammenzukleben. Wie ein Phönix aus den Fetzen.
