
Manche Bands lösen sich auf, sobald es schwer wird. Jakob und Matti Bruckner haben das Gegenteil getan. Seit acht Jahren machen die beiden Brüder gemeinsam Musik, haben sich in dieser Zeit ein paar Millionen Mal in Frage gestellt; und sich jedes Mal wieder füreinander entschieden. Ihr drittes Album heißt deshalb genau so, wie es gemeint ist: „Zusammenbleiben“. Es ist ein Album über Beziehungen aller Art: über die der Brüder zueinander, über Freundschaft, über das Loslassen im richtigen Moment, und über die neue, alles verändernde Beziehung zu den eigenen Kindern. So persönlich das Album ist, so deutlich stellt es sich auch gegen den Zeitgeist. In einer durch ökonomisierten Welt, die Egoismus und Selbstoptimierung zur Tugend erklärt hat, klingt der Titel fast aus der Zeit gefallen. Die sozialen Medien raten, jeden „toxischen“ Menschen konsequent aus dem eigenen Leben zu streichen. Bruckner fragt lieber zurück: Was heißt das überhaupt, toxisch? Ist da jemand wirklich böse, oder gerade nur depressiv, überfordert, in einer schweren Phase? Belohnt wird heute, wer Schluss macht, blockt, weiterzieht. Kaum jemand erzählt davon, gemeinsam eine schlechte Zeit durchzustehen und sich da zu zweit wieder herauszukämpfen. Dieses Beieinanderbleiben, wenn es gerade nichts zu gewinnen gibt, ist für Bruckner ein leiser Akt des Widerstands — und er hört an der eigenen Haustür nicht auf. Die Brüder denken ihn gesellschaftlich weiter, in eine Zeit hinein, die so tief gespalten ist wie lange nicht: links gegen rechts, und das linke Lager nicht selten auch gegen sich selbst, im permanenten Wettstreit darum, wer wen als Erstes canceln darf. Den Rechtsruck im Land, davon ist die Band überzeugt, hebt man nicht auf, indem man pauschal alle für dumm erklärt und Parolen brüllt. Sondern indem man Menschen zuhört, offen auf sie zugeht und ihnen die Chance lässt, sich zu ändern. Nur so holt man überhaupt jemanden zurück auf demokratischen Boden. „Zusammenbleiben“ wählt bewusst den schwereren Weg: sich auf das zu konzentrieren, was Menschen verbindet, statt auf das, was sie trennt. Zuhören, statt canceln. Dranbleiben, statt weggehen. Dass dieser Gedanke so glaubwürdig klingt, liegt an der Geschichte dahinter. Aufgewachsen sind die Brüder im Chiemgau, als zwei von fünf Kindern eines Musiklehrers und einer Sportlehrerin. Eine idyllische Kindheit auf dem Land. Fünf Jahre Altersunterschied sorgten dafür, dass sie als Schüler nie zusammen spielten; erst als Jakob im Studium ein Singer- Songwriter-Projekt startete und Matti nach dem Abitur dazustieß, wurde aus zwei Wegen einer. Irgendwann war klar: kein Konzert mehr ohne den anderen. 2018 wurde aus „Jakob Bruckner“ einfach nur noch Bruckner. Der Weg bis hierher war kein gerader. Das Debüt „hier“ entstand in zwei Monaten, in die sich die beiden mit einem Produzenten in einem Berliner Studio einschlossen. Blut, Schweiß und Tränen, viel Perfektionismus, wenig Routine. Das zweite Album „zerrissen“ wurde zum Corona- Album: keine Konzerte, keine Erlebnisse, dafür existenzielle Zweifel an der eigenen Zukunft als Musiker. „Zusammenbleiben“ ist nun das Album, das all das einlöst – entstanden aus einem Leben, in dem die beiden angekommen sind. Sie produzieren heute weitgehend selbst, holten sich für einzelne Songs Produzenten und Co-Writer dazu, und schöpfen aus dem Erfahrungsschatz von acht Jahren. Ein Wendepunkt trägt einen Namen: Jakob wurde Vater. Mit Frau, Tochter und mittlerweile Sohn lebt er gemeinsam mit Bruder Matti unter einem Dach. Die Vaterschaft hat seinen inneren Kritiker – jenen ungesunden Perfektionisten, der ihn früher davon abhielt, Songs zu Ende zu bringen – kleiner werden lassen. Plötzlich rückte etwas anderes in den Mittelpunkt: das Glück seiner Kinder. Und mit ihm ein fast naiver Optimismus, der das ganze Album durchzieht. Die erste Single „F“, benannt nach dem Anfangsbuchstaben des Namens seiner Tochter, erzählt genau davon: vom Vaterwerden, von einer Liebe, die so groß ist, dass man Angst hat, sie könnte vorbeigehen. „Wir haben’s gut. Wir haben’s leicht“ und im nächsten Atemzug die Frage: „Wo willst du hin? Es wäre schöner, wenn du bleibst.“ Doch „F“ feiert die Vaterschaft nicht nur, der Song legt auch ihre Zerrissenheit offen: den Riss zwischen der bedingungslosen Liebe zu den Kindern und den Pflichten dessen, der das Brot verdienen muss. „Ich will für immer bei dir sein“ steht da neben „doch ich muss sehen, wo wir bleiben, suchen, wo wir hinkönnen, einholen, was schon immer vor mir wegrennt.“ Es ist dieser ehrliche Zwiespalt, der das Lied so unsentimental und wahr macht: dableiben wollen und trotzdem losmüssen. Musikalisch ist „Zusammenbleiben“ eine warme Indie-Platte, die live und gespielt klingt. Zurück zu den Wurzeln, weg von rap-lastigen, moderneren Spielarten, hin zu starken Melodien und echtem Songwriting. Produktionstechnisch schimmern Einflüsse von Bon Iver, Bleachers, Phoenix und MGMT durch, ohne dass die Songs je ihre eigene Handschrift verlieren. „‚Zusammenbleiben’ ist das persönliche Album, das wir hier geschrieben haben – ein Geschenk an uns selbst. Zum ersten Mal haben wir es geschafft, eine Platte zu machen, mit der wir wirklich vollkommen zufrieden sind. Das Album ist so gut, wie es werden konnte, und kommt aus dem Tiefsten unseres Herzens. Wir haben uns nach der langen Reise belohnt.“
