Trümmer

So muss man nach ein paar Jahren Bandpause zurückkommen. Genau so. Und dieses Lied muss es nach so einem beschissenen Jahr sein. Genau dieses. Trümmer veröffentlichen heute ihre erste Single aus dem am 17.09.2021 kommenden Album "Früher war gestern". Das Stück ist zugleich der Album Opener und trägt den schönen Namen "Wann wenn nicht". Wer sich um Trümmer sorgte, weil "Interzone" ja nun auch schon fünf Jahre zurückliegt und alle Bandmitglieder anderweit gut zu tun hatten, spürt schon in den ersten Minuten: Der Band geht’s gut. Sie hat Bock. Und sie hat was zu sagen. Zuerst fällt jedoch auf: Der Sound ist typisch Trümmer – die Sturm-und-Drang-Anfangsphase, nur tighter. Das Personal ist wieder: Paul Pötsch (Gitarre, Gesang), Tammo Kasper (Bass), Maximilian Fenski (Drums), Helge Hasselberg (Gitarre). Letzterer hat das Album auch produziert, aber dazu später mehr. Tammo erklärt: "Es sollte wieder mehr nach unseren Konzerten klingen und ein bisschen dreckiger sein als das letzte Album." Und Paul ergänzt: "Es sind alles Live-Aufnahmen. Wir haben uns im März in einem Gutshof in Schleswig-Holstein eingeschlossen und quasi das ganze Haus mikrofoniert. Aber schon beim Schreiben dieser Lieder ist bei mir irgendwann der Groschen gefallen, und ich habe mich gefragt: Was ist die Musik, die mich berührt, bewegt, zum Tanzen bringt und irgendwie wütend macht? Wir wollten also die Musik machen, die uns selbst gefällt." Das hört man "Was wenn nicht" und den übrigen zehn Songs an. Und die Musik, die ihnen gefällt und die sie als passende Referenzen heranziehen, wäre: Fontaines D.C., das letzte Strokes-Album, The Yeah Yeah Yeahs, der frühe Punk der 70er – eher die New York-Fraktion. Was dabei auffällt? Klar, keine deutschen Referenzen. Tammo sagt: "Wir verstehen natürlich, dass die wieder von der Presse kommen werden, aber unsere Vorbilder waren eigentlich nie deutsch." Paul meint, es ginge eher darum, den Tonfall und die Stimmung dieser Musik ins Deutsche zu übertragen. Und damit sind wir bei "Wann wenn nicht", das gerade jetzt viele Menschen abholen dürfte. Mit seiner Stimmung zwischen Wut und Aufbruch, mit der bissigen Resignation der ersten Zeilen: „Ich schau mich um und sehe eine Welt / In der nichts stimmt und mir nichts gefällt / Und ich denk: Es ist alles zu spät / Die Fakten liegen auf dem Tisch / Es ist fünf vor zwölf und es tut sich nix.“ Was trostlos klingt, wird musikalisch und lyrisch im Verlauf des Songs gedreht, um den Grimm in so eine Art positive Wut zu verwandeln. Paul erklärt es so: "Der Song fasst für mich das ganze Album zusammen. Wenn ich Nachrichten lese und mich irgendwie mit dem Zustand der Welt beschäftige, was man zuletzt ja noch intensiver getan hat, denk ich oft: ‚Mein Gott! Es wird immer alles schlimmer!‘ Aber wieso eigentlich? Wir sind doch diejenigen, die das in der Hand haben. Es ist ja kein Naturgesetz, dass alles irgendwie den Bach runtergeht, sondern wir sind ja diejenigen, die darüber entscheiden, wie das Leben ist." Trümmer gelingt dabei wieder dieser eindrucksvolle Tanz auf der Klippe am Abgrund zum Pathos, der schon ihr Debüt auszeichnete. "Ja", gibt Paul gerne zu, "das ist mir durchaus bewusst, dass es immer kurz vor Pathos ist – oder manchmal auch bewusster Pathos. Aber wie soll es denn anders sein in einem Popsong, wo man nur drei Minuten 30 Zufügung hat? Da muss man ja verknappen und verkürzen und übertreiben und so!" Recht hat er. Dieser Spirit zeichnet das gesamte Album aus. Auch Tammo sagt: "Ich glaube, wir hatten noch nie so viel Spaß als Band bei Aufnahmen wie jetzt. Was auch daran liegt, dass wir in den letzten Jahren alle unsere eigenen Dinge gemacht haben und uns eigene Strukturen neben der Band aufgebaut haben." Das kann man wohl sagen: Tammo hat mit Henning Mues sein Label und Management Euphorie weiter ausgebaut und betreut Acts wie Leoniden, Ilgen-Nur, Ebow, The Screenshots, Fritzi Ernst und andere. Paul wiederum war produktiver Teil von Ilgen-Nurs Band, machte Theatermusik und spielte mit Carsten Meyer aka Erobique die DDR-Musikrevue "Wir treiben die Liebe auf die Weide" auf. Drummer Maximilian Fenski arbeitet inzwischen als Arzt in einem Berliner Krankenhaus, was seinen Bock auf die Band eher verstärkt hat. Außerdem, wie er selbst sagt: "Ich werde Kardiologe, ich sollte mich also gut mit Beats auskennen." Und last, aber nun so gar nicht least, wäre da Helge Hasselberg, der die ersten beiden Leoniden-Album und viele andere produziert hat. Man kann also sagen, dass Teile von Trümmer in den letzten Jahren in anderen Rollen dafür gesorgt haben, die Euphorie zurück in die heimische Indie-Szene zu bringen. Schön, dass sie jetzt wieder als Band mitmischen.

 

 

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