Pohlmann

Ich lass mich darauf ein. Warum auch nicht? Einen Textschreiben zum neuen Album von Pohlmann. Gerne. Das hört sich nach einer interessanten Aufgabe an. So stolpere ich also quasi über diese Platte, bin bereit, das Ganze totalprofessionell und unemotional anzugehen und einen soliden Text zu schreiben. Und so sitze ich dann an einem Freitagabend am Feuer vor meinem Haus mitten im Wald unter einem Tarp, auf das der Regen prasselt und höre Pohlmanns neue Platte »falschgoldrichtig«, und bevor die ersten Töne über die Außenlautsprecher mein Ohr erreichen, mag ich schon den Titel, weil ich weiß, wie es ist, sich oder etwas falschgoldrichtig zu finden. Wann habe ich eigentlich das letzte Mal eine Platte von vorne bis hinten einfach nur angehört, ohne nebenbei noch etwas anderes zu machen? Und dann fängt Pohlmann an zu singen mit einer richtig guten, unverstellten und ehrlichen Stimme, nimmt mich mit und lässt mich an seinen Erinnerungen und Gedanken teilhaben, lässt mich daran teilhaben, was ihn beschäftigt, was er durchlebt, wie er sich in seinem Damals und seinem Heute gefühlt hat, wie er weiter Erwachsen geworden ist und was vielleicht einen Teil seiner Wahrnehmung ausmacht. Ich lache, schlucke hart, höre atemlos zu, nicke, seufze, fasse mir an mein Herz, greife in meine Jackentasche, wo immer ein kleiner Stein bereit liegt, um mich daran zu erinnern, wo ich Zuhause bin, erinnere mich an meine eigene Jugend am Fahrradständer vor der Schule, sehe meinen eigenen Dietmar vor mir und schnell fließen meine Tränen als Pohlmann von dem Tod seines Bruders singt, und plötzlich ist alles voll und ganz emotional. Jegliche Professionalität schmeiße ich über Bord. Ich sage zu meinem Mann mit wackeliger Stimme: »Das ist aber ganz schön schön und auch ziemlich doll.« Und mein Mann sagt: »Ja, weil es so gut ist.« Und als nächstes greife ich zu meinem Telefon und schreibe schnell meinem eigenen Bruder eine SMS, um ihm zu sagen, dass ich ihn lieb habe, und bin froh, dass ich das kann. Pohlmann lässt aus Geschichten Songs entstehen, die so wunderbar und passend mit Musik unterlegt sind, dass sie nie zu traurig, nie zu übertrieben, nie zu fröhlich, sondern einfach nur gänsehautmäßig gut und zum Immer-wieder-anhören-wollen sind. Nicht nur unterm Tarp, wenn es regnet, sondern unbedingt auch im Cabrio mit Sonne im Gesicht auf dem Weg zum Strand. Er erschafft Welten, in denen ich mich wiederfinde. Zwar teile ich nicht genau sein Erlebtes, aber auch ich trage einen traurigen Verlust, ein gebrochenes Herz, einen aufrüttelnden Gedanken, eine Spuren hinterlassende Begegnung, eine tiefe Stille, eine unauslöschbare Erinnerung in mir, die durch Pohlmanns Songs wieder hervorgerufen wird. Ich gehe mit ihm auf die Reise. Das Album trägt mich durch sich hindurch. Ich denke an mein Damals, mein Heute, meine Zukunft und auch ein bisschen an die Zukunft der Welt, denn wie kann man nicht darüber nachdenken. Wie ein Kinofilm rauschen die Bilder, die in den Songs heraufbeschworen werden, an mir vorbei. Ich habe das Gefühl, jemandem zuzuhören, der aus dem Herzen spricht, der aufgeht in seinen ehrlichen Texten, der sich nicht zensiert, sich nicht verbiegt, nicht versucht, irgendwer zu sein, der er nicht ist, der seine Gefühle beim Namen nennt, der die Hoffnung nicht verliert und der so mutig ist, sich zu zeigen. Auch wenn es vielleicht manchmal gefährlich ist, sich so weit hinauszuwagen, sich so zu offenbaren. Am Ende so ein wertvolles Stück Musik in den Händen zu halten, das ist es wert, oder? Und das ist vielleicht auch das Schöne am Musik machen. Etwas zu erschaffen, es in die Welt zu entlassen, keine Macht mehr darüber zu haben, aber vielleicht das Glück, dass der eine oder andere versteht, was gemeint ist und mitgeht mit den Texten und mit der Musik, die der Tiefgründigkeit dieser Platte eine beschwingte Leichtigkeit verpasst hat, so dass ich nach keinem der Songs ratlos auf der Strecke bleibe. Als die letzten Töne von »falschgoldrichtig« verklingen, höre ich wieder nur den Regen auf das Tarp prasseln und freue mich, dass es Pohlmann gibt und dieses Album, das mich inspiriert und sehr glücklich gemacht hat an diesem Abend am Feuer. Und dann gehe ich zu meiner Musikanlage und drücke noch einmal auf Play.

 

 

 

 


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