Philipp Poisel

Wenn etwas die vier Studioalben eint, die Philipp Poisel seit 2008 veröffentlicht hat, dann ist das ihre Wärme, welche stets das Spannungsverhältnis aus musikalischer Weite und erzählter Intimität einzufassen weiß, die sein Schaffen seit jeher prägt. Wie kein anderer deutscher Musiker des neuen Jahrtausends schafft der Songwriter dabei den Spagat, ein Staubkorn zu beleuchten und gleichzeitig zu abertausenden Fans zu sprechen. Man meint, genau ihm zuzuhören, nicht einer pop-industriellen Hülle; sondern einem echten Menschen – und sich dort wiederzufinden, verstanden und miterzählt zu wissen, vielleicht sogar einen Komplizen zu entdecken in der eigenen Weltwahrnehmung. Woran aber liegt das? Sollte man den Aspekt dieser mysteriösen Einzigartigkeit in einer (zugegeben etwas) verkitschten, pathetischen Frage formulieren, könnte sie lauten: Warum berührt der orchestrale Minnesang Philipp Poisels sowohl die Hymnen-suchenden Menschen im Äther des jugendlichen Pop-Radios, die Feuerzeugschwenker auf Stadionkonzertreise, welche mit seinen Stücken seit 13 Jahren durch den Alltag gehen oder ihn neu entdecken, als auch die etwas angestaubten Vinyl-Auskenner, die versonnen und mit geschlossenen Augen in Kopfhörersesseln sitzen, während sie sehnsüchtig seine Lyrik mitsummen? Oder anders und etwas konkreter gefragt: Wie schafft es Philipp Poisel, mit denselben Songs etwa auf dem Haldern Pop-Festival die in ihren Hörgewohnheiten bisweilen anspruchsvollen Gäste zum Mitgehen zu bewegen und gleichzeitig regelmäßig an prominenter Stelle in den kommerziellen Casting- und Talentshows der Privatsender interpretiert zu werden? Letzter Versuch: Wie kann man auf der Oberfläche schwimmen und gleichzeitig in tiefste Tiefen tauchen? Die Antwort steckt, oh Wunder, im Werk, hinter dem der schwimmende Taucher sich gerne versteckt. Soviel weiß man über Philipp Poisel nämlich nicht ... Was feststeht: es geht immer weiter, mit derselben Intensität, zwischen Beschwingtheit und Schwergang. Poisels musikalische Wandlungsfähigkeit, die trotz der beschriebenen Konstante seine Musik immer auch als abwechslungsreiche Reise erfahrbar macht, hat ihn dabei mit »Neon« an einen neuen Ort gebracht. An einen Ort, der ein wenig Erläuterung verdient. »Neon« nämlich ist vielleicht sogar der Schlüssel zu seiner Poetik. Oder wenigstens ein Dietrich. Hell im Zentrum, dann aber immer wieder in diffus scheinenden Ausläufern gen Dunkelheit, tastet sich das Licht dieses Albums zwischen Euphorie und Melancholie in die Ferne, um dort das noch Unerkennbare zu ertasten. Philipp nennt das selbst ein „Reinversinken“ – ein Abtauchen in eine andere Zeit, in Erinnerungen, bei gleichzeitigem Blick in die Zukunft. Und das steckt für ihn im Motiv »Neon«. Das Medium hierzu ist die Fantasie, der gegenüber er fast eine demütige Dankbarkeit verspürt, erlaubt sie ihm doch, sich in andere Sphären zu bewegen. Auch oder gerade weil er sich, wie alle Menschen während der letzten zwei Jahre, im Entstehungsprozess meist in seiner Heimat aufgehalten hat: War »Mein Amerika« von 2017 noch eine Platte, in der er den titelgebenden Sehnsuchtsort konkret bereiste, träumt er sich auf »Neon« nun vielmehr davon, aus der Provinz heraus, in Vergangenheit wie Zukunft. Auch zwischen den Zeiten vermag der Mensch weite Strecken zurückzulegen. Es zeigt sich: »Neon« ist ein Meilenstein der Fantasie. Philipp sagt, dass er durch die Stücke auf seinem vierten Studioalbum dabei Zugang zu Teilen seiner Persönlichkeit gefunden hat, die ihm sonst oft verborgen bleiben, was in Anbetracht der bisweilen brennglas-artigen Nähe seiner Texte klar einleuchtet. Vieles, das in seiner Musik steckt, erfährt er dabei auch selbst erst in der Retrospektive, empfindet seine Songs nicht selten klüger als sich selbst. »Was von uns bleibt« etwa ist so ein Fall, bei dem es ihm zunächst um die Beziehung zweier Menschen ging und er dann mit einigem Abstand feststellte: Der Song handelt von zwei Menschen, ja, aber es geht auch um ihr Verhältnis vor dem Hintergrund der Klimakatastrophe, die unser aller Leben verändert. Herausgekommen ist schließlich ein Lied, das ungewohnt politische Färbungen aufweist – ohne dabei in Eindeutigkeit zu erstarren. Dieses Prinzip, dass er eine Beziehungsebene beleuchtet und sich dann im Song erst wie von selbst die Umgebung ausbildet, zieht sich als Spur durch sein gesamtes Werk: Immer sind da Menschen, um die filmreife Kopfkinolandschaften wachsen, darin mannigfaltige Abstraktion von Verliebtheit – und dann plötzlich der Lángos, den man sich in einer Sommernacht auf der Bordsteinkante teilt. Die Musik erzählt das Erlebte, sind Poisels Weg, überhaupt Dinge zu sagen, die das Zwischenmenschliche umkreisen. Er braucht sie, um über seine Gefühle zu sprechen. Genau wie über seine Hoffnungen und Sehnsüchte. Wie von Geisterhand entsteht so eine Intensität, der man sich kaum entziehen kann. Hell wie Neonlicht, als Kontrapunkt zur Dunkelheit. (Hendrik Otremba, 2021)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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