Oehl

Eins muss schon klar sein: Wenn die verträumten Poeten der Wiener Musikgruppe OEHL plötzlich zu unverblümter Kapitalismuskritik ansetzen, dann ist etwas nicht in Ordnung mit dieser Welt. Dann ist es dringend. Oder, mit Ariel Oehl gesagt: „Wenn man sich mal mit der globalen Finanzwirtschaft und der Arbeitswelt auseinandersetzt, muss man eigentlich zum Marxisten werden.“ Arbeit ohne Freude, Kaufen ohne Sinn, Alltag ohne Perspektive: Es ist ein inhaltsschweres Mini-Konzeptalbum, das die Band vorlegt. Aber sie will uns nicht depressiv machen, im Gegenteil. Sie will uns wachrütteln oder zumindest unsere Sinne schärfen für all die Widersprüche, die wir ständig leben. Die Welt ist nämlich ein Stück weit am Arsch und das Problem ist: Wir sind die Welt. Auch wir, die vormittags eine Moralpredigt über die Wichtigkeit von Fair-Trade-Produkten halten und nachmittags auf Amazon irgendeinen China-Blödsinn um fünf Euro liefern lassen. Wer das erkennt, hat zwei Möglichkeiten: Aufgeben oder Dagegenhalten. OEHL haben die Entscheidung getroffen. „Seit ich einen Sohn habe, denk ich viel mehr darüber nach, welche Welt wir hinterlassen. Der muss da schließlich mal drin leben. Oder - wer weiß – überleben“, sagt Ariel Oehl. „Schon allein deshalb will ich an eine Wende zum Guten glauben. Wenn wir selbst nicht daran glauben, wie soll es dann besser werden?“ Es kann besser werden. Es muss besser werden. Es wird besser werden. Nicht aufgeben. 100% Hoffnung! Das ist der übergeordnete Gedanke dieser EP. Wie vom Bassisten Hjörtur Hjörleifsson beschrieben: "Mit der Hoffnung sind zwar nicht alle Probleme gelöst, aber sie gibt den Ton an und zeigt, wo es hinführen soll. Sie ist unser Kapital im Aushandeln einer besseren Zukunft." Wie klingt also Hoffnung, wenn sie von OEHL vertont wird? Wer OEHL kennt, wird nach ein paar Sekunden feststellen, dass der Oehl-Sound immer schon die Hoffnung in sich getragen hat. Sie klingen vertraut, sie schleichen sich an, hüllen uns ein, wärmen uns. Protestsongs in Liebeslied-Gewand, quasi. Produzenten-Genie Marco Kleebauer hat wieder alle Register gezogen, hat alle cozy Synths aus dem Lager geholt, gibt uns butterweiche Snaredrums, lässt Ariel Oehl sonor erzählen und den Bass von Hjörtur tänzeln. Ja, es sind Abgesänge und Pop gewordene Trauermärsche – aber sie klingen so schön! Gespickt ist alles mit Sätzen, die tief gehen. „So wahr dir Geld helfe“ (Arbeit II) oder „Wir hauen und wir beißen auf Granit“ (Arbeit) zum Beispiel. Und natürlich „Es ist nur Geld“, eine Zeile aus dem Stück „300.000“, in dem OEHL sich ein wenig ausprobieren. Es ist die Nacherzählung einer wahren Geschichte, als jüngst ein Bankmanager in der ostösterreichischen Provinz hunderte Menschen um ihre Ersparnisse gebracht hat. Zugunsten seines Fußballvereins. Kannst du dir nicht ausdenken. Und da macht Ariel Oehl etwas Spannendes, das wir von ihm noch nicht gewohnt waren: Er erzählt die Geschichte in kurzen, knappen Sätzen, ganz klar, ohne jede poetische Distanz. Plötzlich lässt er uns nicht an den Sprachspieler Hermann Hesse denken, sondern an die Nüchternheit eines Ferdinand von Schirach. Und das geht ganz schön tief.   Doch in der Auseinandersetzung mit der Arbeitswelt und dem System in dem wir leben, stößt man schnell auf das eigene Privileg, nicht nur auf das Geld und die Sicherheit bezogen, sondern auf das oft für selbstverständlich angenommene Privileg eine Stimme zu haben. Dazu meint Hjörtur „wir haben uns gefragt, wohin mit unserem Privileg? Was ist, wenn wir es teilen können, zumindest ein Bisschen?” So kam die Idee der B-Seite auf dem Gedanken versammelt sind, die Fans als Audiofile geschickt haben, unterlegt mit Klangmalereien. Es ist ein pandemisches Hörbuch und eine Seelenbeschau derer, die sich Sorgen machen um die Welt – aber auch nicht aufgeben wollen. Weitermachen wollen. So wie diese Band. Noch einmal Ariel Oehl: „Dieser ganze Zynismus geht mir schon so auf die Nerven. Wir brauchen echte Zeichen der Hoffnung, echten Optimismus. Sonst wird das nichts mehr mit uns.“ 

 

 

 

 

 

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