Muff Potter

Zum ersten Mal seit 2009 gibt es wieder ein neues Album von Muff Potter. Mit dem am 26. August 2022 erscheinenden »Bei aller Liebe« hat die legendäre Indie-Band sich selbst und ihre Liebe zur Musik wieder entdeckt. Mit Emphase, Dringlichkeit und bissiger Zeitgeist-Diagnostik gelingt Muff Potter eine überwältigende Neupositionierung.  Als der Sänger, Gitarrist und Schriftsteller Thorsten Nagelschmidt im Februar 2018 für die Premierenlesung seines Romans »Der Abfall der Herzen« auf der Suche nach ein paar Musikern war, fielen ihm als erstes zwei Namen ein: Dominic Laurenz und Thorsten Brameier, alten Fans der Gruppe Muff Potter auch bekannt als Shredder (Bass) und Brami (Schlagzeug). Seit der Abschiedstournee von Muff Potter im Dezember 2009 hatten die drei in dieser Konstellation keine Musik mehr gemacht, die gemeinsame Zeit war zu einer gemeinsamen Vergangenheit geworden. Nun aber standen sie mit dem Gitarristen Felix Gebhard (ZAHN, Livemusiker bei Einstürzende Neubauten) auf der Bühne des Festsaal Kreuzberg in Berlin – und plötzlich war da wieder dieser inspirierende Kollektivgeist. Man muss kein ausgewiesener Band-Romantiker sein, um zu wissen: Es gibt Konstellationen, bei denen die Summe gewaltiger ist als ihre sprichwörtlichen Teile. So eine besondere Fügung des Schicksals wurde Thorsten Nagelschmidt, Dominic Laurenz und Thorsten Brameier bereits vor langer Zeit zuteil. Gemeinsam mit dem Gitarristen Dennis Scheider gestalteten sie den prägenden Teil der 16 Jahre und sieben Alben währenden Karriere von Muff Potter. Wenn Menschen sich so lange kennen und musikalisch blind verstehen, ist das ein kostbares Geschenk. Das schmutzige Wort Reunion nahm zunächst noch niemand in den Mund, es führten ja längst alle ein ausgefülltes Leben auch ohne Muff Potter. So arbeitete etwa Thorsten Nagelschmidt bereits an seinem nächsten Buch, dem 2019 veröffentlichten, euphorisch rezipierten Gesellschaftsroman »Arbeit«. Auf eher spielerische Weise wollten sie es dennoch einmal versuchen: Im August 2018 spielten Muff Potter überraschend beim antifaschistischen Festival Jamel rockt den Förster, im Anschluss gaben sie ein paar Tourdaten bekannt. Sieben Shows im Januar 2019, kaum Werbung, keine große Sache.  Dachten sie zumindest, denn nun brach die Hölle los: Sämtliche Shows waren binnen Minuten ausverkauft und mussten in größere Hallen verlegt werden. Es gab keine Interviews, keine aktiven Social-Media-Kanäle, keine neue Musik, aber offenbar eine große Muff-Potter-Sehnsucht da draußen. Auch bei den Musikern selbst, das wurde jetzt immer klarer. Ebenso klar war ihnen allerdings, dass ihnen Muff Potter zu wichtig ist, um »ewig die Nostalgiekuh zu melken«, wie Nagelschmidt sagt. Wenn diese Geschichte wirklich weitergehen sollte, brauchten sie einen echten Grund. Idealerweise einen künstlerischen. Die alles entscheidende Frage: Wie kann man als Band, die neun Jahre nicht existiert hat, überhaupt sinnvoll weitermachen? »Ich wollte auf keinen Fall so tun, als würden wir irgendwo nahtlos anknüpfen«, sagt Nagelschmidt, »da wird’s dann schnell würdelos.« Es ging also darum, die vergangene Zeit auf eine Weise sicht- und hörbar zu machen, dass dabei trotzdem frische, aufregende Musik herauskommt. Im Hier und Jetzt gültig, aber eben doch: laut, physisch – Angry Pop Music eben. Die Frage erledigte sich von selbst, als die Musiker zum ersten Mal mit ihren Instrumenten in einem Raum standen, um an neuen Songs zu arbeiten. »Unsere Körper wissen mehr als wir«, singt Nagelschmidt in »Ein gestohlener Tag«, so war es. Nun ergab sich aus der Pause plötzlich ein Möglichkeitsraum: die geliebte Band noch einmal anders zu denken und also neu zu erfinden. Damals, im Dezember 2019, hatten die Freunde sich aufs Kulturgut Haus Nottbeck in Oelde zurückgezogen, also dorthin, wo alles begann: nach Westfalen. Thorsten Brameier wohnt in der Nähe, die Bandmitglieder konnten rund um die Uhr proben, kochen, laut sein, reden. Der ideale Startpunkt für den Aufbruch in eine neue Muff-Potter-Zeitrechnung. Immer wieder haben Muff Potter sich in den folgenden anderthalb Jahren aufs Kulturgut Haus Nottbeck begeben und bei diesen Sessions Musik auf eine Weise physisch erlebt, wie das wohl nur durch die pandemiebedingte Isolation dieser Zeit möglich war. Die sich daraus ergebende Dringlichkeit übertrug sich automatisch auf die Songs. »Diese neuen Songs haben für mich den Ausschlag gegeben, unbedingt dabei sein zu wollen«, sagt Felix Gebhard. Man kennt und schätzt einander seit Jahren, unter anderem hatte Gebhard bereits als zusätzlicher Gitarrist mit Muff Potter getourt, im Frühjahr 2021 übernahm er nach Dennis Scheiders Ausstieg dauerhaft die Rolle des zweiten Gitarristen. Produziert hat die Band »Bei aller Liebe« im Studio Nord Bremen – und damit genau an jenem Ort, wo in einer anderen Zeit in einem anderen Leben das allererste Muff-Potter-Album gemastert worden war. Das Studio wird mittlerweile von Gregor Hennig betrieben, der unter anderem Die Sterne und Phillip Boa produziert hat und der sich als die perfekte Wahl für »Bei aller Liebe« erwies. »Die meisten Songs wurden live aufgenommen«, sagt Nagelschmidt, »ganz klassisch: vier Leute in einem Raum, die zusammen Musik machen.« Man hört es überdeutlich: »Bei aller Liebe« ist von einer überwältigenden Live-Energie durchzogen, man spürt in jedem Moment das wild schlagende Herz einer Band, die sich selbst und ihre Liebe zur gemeinsamen Sache wiederentdeckt hat. Das Album beginnt mit dem elegischen »Killer«. Die zunächst fragilen Gitarren machen gewaltige Räume auf, Nagelschmidt wirft mit lakonischen Worten Szenen an die Wand und macht mit präzisem Blick vermeintliche Neben- zu Hauptsachen. Unter anderem verbindet er das bittere Ende einer Liebe mit den sozialen Realitäten auf dem Wohnungsmarkt: »Die Frau mit den Augen raucht auf ihrem Balkon/Sie hat sich vor Wochen von ihrem Typen getrennt/Der Typ zieht nicht aus, er findet nichts Neues«. Dann setzt die Band ein, und der Song schwingt sich mit letzten großen Fragen zu einem Hymnus auf, ehe er in einem abebbenden Sirenenklang verhallt. Damit gelingt Muff Potter gleich im ersten Song eine musikalische Entsprechung ihrer jüngeren Geschichte: Es geht um das kollektive Wir. Dass soziale Gerechtigkeit und der Kampf um die kulturellen Interessen einzelner zusammengehören, ist eine alte Punk-Idee. Muff Potter überführen sie auf »Bei aller Liebe« in die Instagram-Ära mit ihrem Hashtag-Dauerfeuer.  Dazu passt das stürmische »Ich will nicht mehr mein Sklave sein«, einer dieser Songs, bei denen man auf Festivals gleich mit den ersten Akkorden nach vorne rennen will, obwohl man die Band überhaupt nicht kennt. Eine lebensbejahende Power-Pop-Hymne der etwas anderen Art – und ein potenzieller Live-Klassiker im künftigen Programm dieser Band. Solidarität wurde während der Coronakrise zur ausgehöhlten Phrase, Muff Potter füllen das Wort wieder mit Leben. Die zweite Single »Flitter und Tand« zielt mit treibenden Post-Punk-Gitarren und einem kleinen Fugazi-Zitat auf unser Dasein als Selbstvermarkter und Medienprofis in eigener Sache. Das Video zum Song ist ein Remake des Franco-Battiato-Clips zu »Centro di Gravitá Permanente«, mit dem dieser sich 1981 auf liebevoll-ironische Art mit der Inszenierung der damals aufkommenden MTV-Ära auseinandersetzte, die man natürlich als Social-Media-Vorläufer lesen kann.  Auch sonst geht es immer wieder um musikalische und inhaltliche Opposition zu Selbstoptimierung und Vereinzelung. Das Besondere an diesen Songs ist nun aber, dass Muff Potter niemals mit dem Finger auf andere zeigen. »Bei aller Liebe« klagt nicht an, sondern beschreibt. »Der einzige Grund aus dem Haus zu gehen« erinnert auf wunderbare Weise an die verdammten Gegensätze des Lebens und daran, dass wir multiple Persönlichkeiten sind und die Konzentration auf schwarz-weiß-Debatten der Komplexität des menschlichen Seins nicht gerecht wird. Dazu passt auch das zunächst an Blumfeld erinnernde »Ein gestohlener Tag«: pure Poesie, die sich in ein Feedback-Inferno mit einem atemlosen Nagelschmidt steigert. Eine besondere Rolle spielt der Bass von Dominic Laurenz, der spielerisch und hochvariabel immer wieder ungeahnte Räume und Ebenen für die Gitarren aufmacht, über denen Nagelschmidt seine Vorliebe für eingängige Pop-Harmonien auslebt. So ergibt sich eine überaus dichte, organische und moderne Rockmusik, die auf wundersame Weise gleichzeitig komplex und hochmemorabel ist. Permanent passiert hier etwas, es gibt unzählige wunderbare Details zu entdecken, aber im Ergebnis ist diese Musik wie die zur Faust geballten Finger einer Hand. Wie Sound-Design und Text in einer perfekt verzahnten Symbiose aufgehen, zeigt sich besonders gut in »Nottbeck City Limits«. Während Muff Potter in seliger Abgeschiedenheit im Kulturgut Haus Nottbeck in Klausur gingen, vollzog sich gleich um die Ecke in Rheda-Wiedenbrück das Drama des Corona-Skandals bei Tönnies, der zugleich die menschenunwürdigen Arbeits- und Produktionsbedingungen in dem Fleisch-Großunternehmen offenbarte. Nicht zuletzt ein weiteres Beispiel dafür, wie sich in unseren Filterblasen prima aneinander vorbeileben lässt: »Man konnte das problemlos ignorieren, wenn man wollte«, sagt Nagelschmidt. »Ab und zu sah man Transporter, mit denen die Arbeiter von A nach B transportiert werden, sonst bekam man vom größten Schlachthof Europas nicht viel mit.« Muff Potter haben es nicht ignoriert, und so entwickelt sich der wie ein Hörspiel beginnende Song zu einem klassenkämpferischen Fanal über die tägliche Agonie der geschundenen Tiere und Lohnsklaven. So geht es weiter: Das von feinem Humor durchzogene »Wie Kamelle raus« ist mit seinem überlebensgroßen Refrain ein Instant-Hit, der von einer hochmelodiösen Basslinie eingeleitete Uptempo-Kracher »Hammerschläge, Hinterköpfe« hat seinen Titel aus einem Roman von Hendrik Otremba, der hier ebenso zu Gast ist wie der Pedal-Steel-Gitarrist Kristoph Hahn (Swans). Der Song reiht atemlos neoliberale Selbstoptimierungs-Phrasen und Werbeslogans aneinander und man hört mit jedem Wort, wie sehr sich Nagelschmidt selbst beim Singen noch ekelt, was wiederum einen herrlichen Kontrast du den zuckersüßen Beach-Boys-Chören ergibt. Mit dem kürzesten Song der Bandgeschichte, »Privat«, verfluchen Muff Potter in einer furiosen Attacke mit galligem Humor, Kinderchor und kantigen Offbeat-Gitarren die vermeintlichen Segnungen der Privatisierung ehemals öffentlicher Bereiche. Aus alten Fragestellungen und neuen Antworten haben Muff Potter in diesen Songs die vielleicht aufregendste, vielstimmigste Musik ihrer Karriere destilliert. Das Album endet mit »Schöne Tage«. Der Sturm legt sich, ein Song wie ein wohltuend wärmendes Tuch. Mit ihrem auf dem bandeigenen Label Hucks Plattenkiste erscheinenden achten Studio-Album »Bei aller Liebe« haben Muff Potter einen neuen Raum für sich und andere gefunden. Ein Raum, in dem die Möglichkeiten unendlich erscheinen. Jenseits von jedem und offen für alle.

 

Links:

 

www.muff-potter.de

www.instagram.com/muffpotterofficial

www.facebook.com/muffpotterofficial