Marie Bothmer

„Weiß nicht mehr, wo und wann ich mich zuletzt gefunden hab“, singt Marie Bothmer im ersten Song ihrer neuen EP „Swimmingpool“. Und so sehr diese Feststellung auf ihr emotionales Innenleben zutreffen mag, das sie in den sechs Songs der EP auf bewegend ehrliche Weise offenlegt: künstlerisch hat sich die Sängerin gefunden wie noch nie. Seit die heute 26-Jährige vor sechs Jahren mit dem Song „Es braucht Zeit“ auf dem Soundtrack zum Film von Til Schweiger & Cro durchbrach und millionenfach gestreamt wurde, ist sie aus der deutschen Musikwelt nicht mehr wegzudenken. Mit Songs, die ihre Wurzeln im R&B und Pop haben und von Melancholie und tiefem Gefühl in der Stimme getragen werden, hat sich die Musikerin eine große Fangemeinde aufgebaut. Ihr Umzug von München nach Berlin markierte zusammen mit dem Ende einer Beziehung nicht nur in ihrem persönlichen Leben eine tiefgreifende Zäsur, auch musikalisch präsentierte sich Marie im vergangenen Jahr nach einer längeren Schaffenspause deutlich verändert: klanglich cooler, inhaltlich von einer beeindruckenden Tiefe – und wunderschön traurig. Den ersten Eindruck davon gab Ende letzten Jahres die Single „Swimmingpool“, und dass die restliche EP nun auch so heißt, kommt nicht von ungefähr: „Nachdem meine Karriere so ein bisschen die Abbiegespur genommen hat, war ‚Swimmingpool‘ der erste Song, der gleich richtig gezündet hat. Daher ist er mir sehr wichtig“, sagt Marie über den bereits knapp 2 Millionen Mal gestreamten Track. „Und dann ist es einfach der Begriff an sich, der mich fasziniert, weil da so viel mitschwingt – Sommer, Sonne, Leichtigkeit, ganz allgemein eine Hollywood-Optik, aber auch die Schattenseiten von all dem. Ein ganzer Pool an Gefühlen.“ Und den hat die EP in der Tat zu bieten. Sie handelt die unterschiedlichen Phasen ab, durch die man nach dem Ende einer intensiven Beziehung geht. In „Filmriss“ ist die Trennung noch ganz frisch. Marie Bothmer sitzt allein in ihrer Wohnung und dreht halb durch vor Liebeskummer. In „Swimmingpool“ werden wir Zeuge der ersten öffentlichen Begegnung mit dem Ex, der mit seiner Neuen da ist. „Hoff', dass ich nicht sehen muss, wie du sie später küsst / Will mehr als Smalltalk und nur einen kurzen Blick / Sag mir warum willst du, warum willst du nicht zurück?“, singt Marie über warme, atmosphärische Klangflächen, tief brummende Bässe und organische Instrumentierungen – eine Mixtur, die auch den Rest der EP kennzeichnet. Bei „Deadline“ sind seit der Trennung einige Monate vergangen. Jetzt müsste man doch bereit sein, sich auf eine neue Beziehung einzulassen, oder? Ist man nicht. Einzig der Schmerz kehrt zurück: „Hab dir gesagt, das hier ist nur ‘ne gute Ablenkung / Hatte gehofft, dass du mich reparierst / Dabei macht es mich kaputt mit dir“, muss Marie feststellen. In „Deadline“ wirkt YRRRE mit und liefert die gegenüberliegende Sicht der Dinge. Der Deutschrap-Künstler ist der einzige Feature-Gast auf der EP, die übrigen Kollaborationen spielten sich „hinter den Kulissen“ ab, waren für den kreativen Prozess jedoch essenziell wichtig: Sängerin und Schauspielerin Nina Chuba, Bothmers ISBESSA-Labelkollege Blinker und Madeline Juno schrieben gemeinsam mit Marie an den Songs. Sie alle eint, dass sie hervorragende Songwriter:innen sind, im Fall von Nina Chuba verbindet die beiden zusätzlich eine enge Freundschaft – so eng, dass es Nina war, die Marie in der Trennungsphase zur Seite stand, bei der sie sogar zeitweilig wohnte, nachdem es mit ihrem Freund aus war. Gemeinsam fingen sie Maries Gefühlswelt lyrisch ein, in der Zeit unmittelbar nach der Trennung ebenso wie in den späteren Phasen. Den beiden letzten Songs der EP beispielsweise, die inhaltlich da ansetzen, wo „Deadline“ aufhörte: „Temporär“ behandelt Momente im Alltag, in denen der Trennungsschmerz unverhofft wieder aufflammt, „Kugelsicher“ ist der Schaden, den man dauerhaft davonträgt: aus Angst vor Verletzungen will man sich lieber erst gar nicht wieder verlieben, „man verschanzt sich vor neuen Gefühlen oder versperrt sich quasi den Zugang dazu“, wie Marie es beschreibt – „Mein Herz is’ kugelsicher / Gefühle prallen ab, bleiben nur für eine Nacht“ singt Marie dazu im Song über sanfte Tastenklänge, 2-step-Beats und elektronische Effekte, die flimmern wie eine Herzkammer. Und dann ist da noch ein Track, der aus dem übrigen Narrativ herausfällt und dadurch ganz automatisch eine besondere Bedeutung bekommt: „Dopamin“. Er behandelt Maries jahrelangen Kampf mit Depressionen. „Keine Ahnung, warum in mir immer Winter is’ / Ich lauf auf Eis und hoffe, dass der Boden unter mir nicht bricht / Hab das Gefühl, jeder Schrei nach Wärme bringt mir nichts / Weil hier drinnen niemand is’“, singt Marie über entrückte Klangschwaden, und wünscht sich: „’N bisschen Dopamin könnt’ ich gut gebrauchen / Mein Serotonin is’ längst aufgebraucht“. „Ich bin wegen meiner Depression in Therapie und gehe da recht offen mit um. Denn das ist ja nichts, was man einfach so drei Monate mal behandelt und dann ist es wieder vorbei“, so Marie, die zugleich einwendet: „Ich habe das Gefühl, dass Depression in der letzten Zeit fast ein wenig zur Trendkrankheit geworden ist, und das Letzte was ich will, ist, mich damit zu schmücken. Aber wenn ich durch meine Offenheit andere in ähnlichen Situationen ermutigen kann, würde mir das etwas bedeuten.“ Das ist sie, die Marie Bothmer des Jahres 2022: klanglich cooler, inhaltlich von einer beeindruckenden Tiefe, wunderschön traurig – und zugleich aufbauend und positiv in ihrer gesamten Art und Botschaft.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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