Anne.Fuer.Sich.

Eröffnen wir diesen Infotext über eine zwar noch junge, aber in Wesenskern und Identität bereits enorm ziel- und stilsichere  deutschsprachige Rockband mit zwei der gängigsten Vorurteile, die weithin über deutsche Musik – und erst recht jene, die auf die Energie  und Intensität von kraftvollen Gitarrenakkorden baut – existieren. Erstens: Deutsch als Musiksprache ist ein schweres Feld, umso mehr, wenn man als Formation eine klare Haltung hat und jene auch inhaltlich in den Texten ausdrücken will. Und weil das so ist, gibt es zweitens in der deutschsprachigen Musikszene kaum noch Inhalt und umso mehr Plattitüden, deren gesellschaftskritische Bedeutung bestenfalls  darin besteht, „An Tagen wie diesen“ als einer unter „80 Millionen“ „die perfekte Welle“ zu erwischen. Ein solches Schlagwort, gepaart mit einer gefälligen Melodie, die das heimische Formatradio punktgenau bedient – und schon hat man die gute Chance, einen Hit zu landen, der zur nationalkollektiven Hymne für jede Party-Gelegenheit avanciert. Einer heimischen Nachwuchs-Band hingegen, die aus purer Lust an einem neuen, so in Deutschland noch nicht gehörten Rock-Sound eigene Wege beschreitet, sich keinen Deut darum schert, ob der eigene Sound gerade hip oder erfolgsträchtig ist und ihre kraftvollen Kompositionen jenseits der gewohnten Schubladen obendrein mit feinsinnigen, prägnanten und lyrisch bestechend geradlinigen Texten garniert, würde wohl jeder erfahrene A&R-Manager des Landes in aller  Höflichkeit einen alternativen Berufsweg als Taxifahrer und Pizzaboten anraten – die Chance, dabei nicht als Obdachloser zu enden, ist ungleich größer. Der deutsche Musikhörer traut seiner eigenen Musikszene eben nicht gerade viel zu und den denkenden Köpfen dahinter meist auch nicht über den Weg. Konsum statt Klasse, Konfektion statt Kunstanspruch, und stets bloß nicht zu viel wagen. Man muss ja nicht immer eine Meinung haben, denken sich wohl die meisten. Denn Meinungen vergraulen womöglich Kunden, Konzertgänger oder Werbepartner. Das Schöne an einer Band wie dem Bremer Quintett ANNE.FUER.SICH, vor gerade einmal gut einem Jahr gegründet als ein Abenteuerspielplatz für fünf Musiker, die in ihren persönlichen Vorlieben und musikalischen Sozialisationen kaum weiter auseinander liegen könnten, ist nun aber dies: All das eingangs Beschriebene ist ihnen herzlich schnuppe, sie machen ihre Musik trotzdem beziehungsweise jetzt erst Recht – und ausschließlich so, wie sie es für richtig halten. Im Ergebnis, ihrem nun erscheinenden ersten Album, bedeutet das, dass man auf einen sehr gewitzten, versierten und in Momenten gern auch mal vertrackten Rocksound trifft, der vieles zitiert, manches  adaptiert, aber letztlich vor allem unverwechselbar und bemerkenswert zeitlos klingt. Wenn etwa in einem mächtig angriffslustigen, Punk-infizierten Song-Knüppel plötzlich ein virtuoses Gitarrensolo erklingt, das selbst den lederhosigen Hardrockern der Achtziger höchsten Respekt abringt, wenn ein ziemlich um die Ecke gedachter Song unvermittelt aufgeht in einen Mitsing-Refrain, für den so manche Poppunk-Legende seine Mutter verkaufen würde – ja, dann ist man natürlich erst mal kurz irritiert: Kann man so etwas echt machen? Darf man das überhaupt? ANNE.FUER.SICH stellen sich diese Fragen nicht. Stattdessen machen sie einfach – und das seit der ersten Bandprobe. Gut ist, was gefällt, und zwar ausschließlich ihnen selber. Alles andere spielt keine große Rolle.  Bis auf eine grundlegende Maxime, die sich die fünf Musiker ganz zu Beginn selber setzten, wie Frontmann Marian erzählt: „Wir haben als  Band eine sehr unmittelbare, stringente Arbeitsweise. Das war vom ersten Moment an so: Da haben wir uns gesagt, okay, wir brauchen jetzt möglichst schnell ein paar echt gute Songs, also lasst uns einfach anfangen, anstatt erstmal ewig darüber zu diskutieren, welchen  Sound und Stil die Band eigentlich haben und annehmen soll. Am Anfang stehen bei uns meist nur ein paar Akkorde, eine grobe Skizze, und dann fummelt sich jeder Musiker auf eine ganz natürliche Weise in seinem eigenen Stilempfinden da rein. Wir haben uns da gegenseitig von Beginn an keine Vorgaben gemacht, sondern lassen jedem Musiker die Möglichkeit, sein eigenes musikalisches Empfinden in den Gesamtsound einzubringen und rein intuitiv und improvisatorisch seinen Part in dem Song zu finden.“ Ein weiser Schachzug, angesichts der denkbar unterschiedlichen Herkünfte aller beteiligten Musiker: Denn Manuel, Bassist und Shouter, kommt aus dem Punkrock und Collegepunk, Gitarrist Eddie fand sein Heil schon immer im so klassischen wie zeitlosen Rock'n'Roll, Sören, zweiter Gitarrist und kompositorischer Impulsgeber, bringt den klassischen Indierock der Neunziger mit an den Tisch, Schlagzeuger Henning trommelte vorher in Stoner- und Pop-Bands und Marian schärfte seine markante Mikro-Dringlichkeit ebenfalls zunächst im Punkrock, versteht sich inzwischen aber eher als Deutschrap-Connaisseur.  Im Ergebnis stehe, so Marian, „durchaus die Konsequenz, dass man bei uns Elemente und Versatzstücke hören kann, die man in dieser Art von Rock sonst wohl eher nicht findet. Das Spannende dabei ist, dass dieser doch sehr heterogene und weit gefasste Ansatz bei uns eigentlich nie zu Konflikten führt, sondern unsere Songs und Arrangements stets auf eine absolut natürliche, unkalkulierbare Weise ihren Weg und Klang finden. Wir haben keinen Masterplan, wie wir klingen wollen und sollten. Die einzige Vorgabe, die existiert, ist jene, dass sich jeder im Rahmen der Band künstlerisch vollkommen frei entfalten kann, egal, was das für den einzelnen konkret heißt. Und wir sind in der wirklich glücklichen Position, dass wir durch diese Arbeitsweise eigentlich nie an den Punkt kommen, irgendetwas bewusst steuern oder konzipieren zu müssen. Wir haben uns beispielsweise noch nie hingesetzt und gesagt: So, der Song braucht jetzt noch eine zwingende Melodie und einen krassen Abgeh-Part in der Mitte, damit er funktioniert.  Einfach machen, was gefällt – ein Konzept, das in der deutschen Musik noch nie sonderlich weit verbreitet war. Umso mehr, wenn diesem so kompakten wie komplexen Alternative Rock-Sound dann eben auch noch Texte beigefügt werden, die inhaltlich wie lyrisch Anspruch besitzen und sich auf eine süffisant kämpferische Art Themen jenseits der radiotauglichen Shalala-Leichtigkeitzuwenden. „Ich verstehe mich im Bandgefüge eben nicht nur als Sänger, sondern auch als Texter“, so Marian. „Ich habe mich bereits viele Jahre lang im Schreiben ausprobiert, allerdings vor dieser Band fast ausschließlich auf Englisch. Als ich dann zu ANNE.FUER.SICH kam und klar war, dass hier nun deutsche Texte gefragt sind, habe ich dabei an mich selber einen klaren Anspruch gestellt: Es gibt so wahnsinnig viel deutsche Musik, die ich mir einfach nicht anhören kann, weil ich das lyrisch so furchtbar finde, so beliebig,abgeschmackt und oft völlig meinungsarm. Mein Anspruch war daher, deutsche Texte zu kreieren, die ich mir auch selber anhören kann. In dem Punkt lasse ich mir ebenso wenig reinreden wie es die anderen in Bezug auf ihr jeweiliges Instrument. Denn letztlich geht es doch genau um die Frage: Was habe ich zu einem bestimmten Thema zu erzählen? Was ist meine Meinung, wie ist mein Gefühl dazu? Es geht darum, eigene Gedanken zu verarbeiten, sie vom Inneren nach Außen und in die Erfahrungswelt des Hörers zu bringen. Entsprechend speisen sich meine Texte häufig zunächst aus  persönlichen Erfahrungen, mit dem Blick nach innen also, deren Aussage ich mit dem Blick nach draußen dann so offen formuliere, dass auch der Hörer sich mit seinen eigenen Erfahrungen und Geschichten damit verbinden kann.“  Nehmen wir als Beispiel einen Song wie 'Trinkspiel': „Vordergründig geht es darin um einen alten Freund, den man schon ewig kennt, mit dem einen aber inzwischen eigentlich nur noch der Alkohol verbindet. Mit der Frage dahinter: Kann man so etwas noch eine Freundschaft  nennen? Ich schätze, so ziemlich jeder aus unserer Zielgruppe kennt so einen von früher, dem man aus Nostalgie oder alter Verbundenheit die Treue hält - und kann diese Erfahrung entsprechend teilen.“ Nicht anders verhält es sich auch mit Songs, die klare gesellschaftliche und soziokulturelle Positionen vertreten: „Sich als deutsche Band aus dem Indie-Bereich klar gegen rechts zu positionieren ist nichts, was man mir extra sagen müsste. Dazu braucht es nur einen wachen Geist, dann entsteht eine solche Haltung im heutigen politischen Milieu ganz von allein. Einfach, weil das Bedürfnis da ist, sich klar zu positionieren.“ Doch selbst, wenn Thema und Haltung evident sind, ist der Weg zum perfekten Songtext nur selten ein leichter: „An vielem Texten habe ich schon über Monate gearbeitet und immer weiter gefeilt“, erzählt Marian. „Manche Texte, wie etwa der zu '230 Grad', habe ich alles in allem bis zu fünf Mal komplett neu geschrieben. Aber das alles war notwendig, schon deshalb, um heraus zu finden, was eigentlich für mich das wirkliche Thema des Songs ist. Am Ende jedes Textes muss  für mich der Eindruck stehen, dass ich hundert Prozent gegeben habe, um einen bestimmten Sachverhalt so präzise und gleichzeitig prosaisch wie möglich auf den Punkt zu bringen. Das Schöne beim Texten ist aber auch, dass es andere Songs gibt, deren Text ich gleich  nach der ersten Idee in einem Rutsch runtergedichtet habe, wie etwa den zu 'Elaine'. Der war komplett innerhalb von vielleicht 15 Minuten mehr oder weniger einfach da.“ Das ist denn auch, was ANNE.FUER.SICH in der deutschen Rockmusik auszeichnet: Auch sie sind nun eben einfach da, weil ihre Akteure und Erzeuger es genauso wollten. Und ihre Existenz belegt, dass es eben doch geht im deutschsprachigen Alternative-Rock: Zu machen, was die eigene Intuition befiehlt, unbeirrt diesem Weg zu folgen – und am Ende auch damit Publikum und eine hingebungsvolle Fanbase zu finden. Marian: „Der typische Reflex bei deutscher Rockmusik ist doch der: Es gibt grob gesagt drei Schubladen, und in eine davon hast du als Band möglichst gut zu passen, wenn du hierzulande etwas erreichen willst. Aber genau das funktioniert mit uns eben nicht, schon aufgrund der vielen Einflüsse. Und weil wir eben keine weitere Band sein möchten, über die man das typische „Klingt wie...“ behaupten kann.“  Es ist zwar nahezu obsolet, dies noch mal extra zu erwähnen, aber an der sonst so oft gestellten Frage nach der Zeitgeistigkeit ihres Sounds hat die Band kein Interesse: „Wenn du als Band darauf schaust, einem wie auch immer gearteten Zeitgeist zu entsprechen, heißt das gleichzeitig, dass deine Platte eben auch ein eindeutiges Kind seiner jeweiligen Zeit ist und sich immer als ein solches identifizieren lässt. Natürlich hilft eine klare Zuordnung einer jungen Band zunächst, man findet einfacher sein Publikum und eine klar umrissene Szene. Doch selbst, wenn wir es auf darauf angelegt hätten: An den eingangs beschriebenen Vorlieben und musikalischen Sozialisationen, die sich bei  uns in den Mitgliedern mischen, ist nun mal herzlich wenig zeitgeistig. Vielmehr komponieren wir Musik, das nach den Einflüssen klingt, mit denen wir aufgewachsen sind und aus denen wir uns dann unseren eigenen Cocktail mischen. Das ist tatsächlich die ganze Erklärung für  den Sound von ANNE.FUER.SICH. Der große Vorteil dabei ist, dass es dir als Band bestenfalls gelingt, genau das Gegenteil von Zeitgeist zu erzeugen, nämlich unsere ganz eigene Version von zeitloser Rockmusik. Ich kenne durchaus Leute, die ihre Musik vor dem Hintergrund  komponieren, einen gerade bestehenden Markt zu bedienen und ein Produkt für einen bestimmten Trend zu kreieren. Ich will das gar nicht bewerten oder verdammen, doch kann nur sagen, dass das für diese Band nie der Fall war und niemals sein kann. Wir haben uns gegründet aus dem Wunsch heraus, deutschsprachige Rockmusik zu machen, die wir selber gerne hören würden, die es aber nach unserem Ermessen so bislang noch nicht gegeben hat. Ob und was für eine Art Publikum wir damit überhaupt erreichen könnten, war eine Frage, die wir uns erst stellten, nachdem wir die ersten Songs fertig hatten und begannen, Konzerte zu buchen.“ Jenes erscheint auf ihren Konzerten mittlerweile so zahlreich wie in vielen Fällen regelmäßig.  „Wir wollen einfach gute, eigenständige Alternative-Rockmusik machen, die uns selber richtig wegbläst. Und wie es nach unserer bislang  eher kurzen, aber doch ziemlich bewegten Karriere als Band aussieht, gibt es da draußen tatsächlich ein Publikum für unseren Sound. Zumindest regional ist der Zuspruch bereits krass. Scheinbar kann sich auf ANNE.FUER.SICH so ziemlich jeder einlassen, der prinzipiell einfach Bock auf Rock hat. Für eine Band, die es noch gar nicht lang gibt und die bis dato gerade mal eine EP veröffentlicht hat, ist es schon ein großer Erfolg, sich plötzlich die Bühne zu teilen mit Bands wie Royal Republic, Turbostaat oder Anti-Flag. Das alles geschah zu unserem  eigenen Erstaunen ziemlich zügig.“ Dies gilt im Übrigen auch für die eigene Fanbase: Sie war und ist der Band schon jetzt dermaßen gewogen, dass sie ihr dabei half, das erforderliche Geld für die Albumaufnahmen lange vor Ablauf der Frist per Crowdfunding aufzutreiben. Ein Dienst an der Band und der Kunst im Generellen, der so viel mehr wiegt als ein schneller Radio-Hit. Denn es spricht für Konstanz, Konsistenz – und dafür, dass es mehr als genügend Menschen in diesem Land gibt, die genau das hören wollen, was ANNE.FUER.SICH nun  vorlegen. Was letztlich zum Ende dieses Textes auf schönste Weise ein weiteres Vorurteil über deutschsprachige Musik widerlegt: Jenes, dass Substanz und Inhalt von Hörern nicht gewollt ist. ANNE.FUER.SICH sind der bestklingendste Gegenbeweis.

 

 

 

 

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