Acht Eimer Hühnerherzen

Acht Eimer Hühnerherzen - das ist der Soundtrack zu unerwarteten Wendungen. In einer Textzeile fühlt man sich zutiefst gemeint und verstanden – und in der nächsten staunt man schon wieder, wo bitte die Story jetzt plötzlich gelandet ist. Der freundlich sinistre Nylonsaiten-Punk aus Kreuzberg hat sein drittes Album fertig. Existenzialismus für Eis-Esser. Bei meiner ersten Begegnung mit Acht Eimer Hühnerherzen war auf jeden Fall Magnetismus im Spiel. Der Redakteur eines großen Musikmagazins fragte, ob ich die Review dieser neuen Band übernehmen wolle. Ob sie denn gut sei, wollte ich – ganz Profi - wissen. Der Redakteur eröffnete, er habe sie noch gar nicht gehört, bloß bei dem seltsamen Bandnamen gleich gedacht, das könne höchstens mir gefallen. Frechheit! Bestimmt der letzte Rotz, dachte ich – musste aber zugeben, dass mich dieser prunkvoll hysterische Name - Acht Eimer Hühnerherzen - tatsächlich ziemlich anzog. Und so hörte ich zum ersten Mal das Debüt-Album „s/t“, zum ersten Mal dieses eine Lied mit dem Eis, zum ersten Mal „Eisenhüttenstadt“, zum ersten Mal „Mittelmaß“. Was soll ich sagen? Zuviel Superlative machen einen Text bloß verdächtig, aber fick drauf: Acht Eimer Hühnerherzen sind – längst nicht nur für mich - die aufregendste Band der letzten Jahre: heimelig, spröde, verrückt, pointiert, zum Knutschen. Es ist weit mehr als eine Legende, dass diese Band eher ein Zufallsprodukt war. Dass sich aus der Begegnung von Apokalypse Vega, Bene Diktator und Herr Bottrop tatsächlich Musik ergab, besaß beträchtliches Unwahrscheinlichkeitspotenzial. Aber man hat halt „mal ein bisschen gemacht“ und sich nicht bremsen lassen von Strategien oder kommerziellen Überlegungen. Letztlich ist es dem immensen Zuspruch des Publikums zu verdanken, dass die Band irgendwann auch selbst kapierte, Acht Eimer Hühnerherzen sind für ein nerdiges Hobby zu schade. Dennoch bewahren sie sich den unwiderstehlichen Charme eines solchen.Im Gespräch kokettieren sie, wie sich ihr Sound-Trademark, keine elektrischen Gitarren zu bemühen, mit ihrem zweiten Gig gefestigt habe. Der sei nämlich auf einer Beerdigung gewesen. Man habe sich dort eine Punkband gewünscht, die aber eben – verständlich - „nicht so laut“ sein möge. Danach dachten die Drei angeblich kurz über eine Karriere als Letzte-Ruhe-Act nach. Es kam anders, fürs Morbide ist sind sie allerdings immer zu begeistern, eins der neuen Stücke trägt auch den Titel „Requiem“. Mit ihrem dritten Album „musik“ haben sich Acht Eimer Hühnerherzen den außergewöhnlichen Klang, den ihr selbstauferlegtes Dogma (die absente E-Gitarre) mit sich bringt, bewahrt, dennoch ist der soundästhetische Korridor breiter geworden. Obwohl man sich als Hühnerherz-Ultra sofort blind in dieser Platte zurechtfinden kann: - die Musik bleibt doch weiterhin rastloser Nicht-Rock, der mit Nylonsaiten, aufgekratzten Bassläufen und akzentuiertem Rhythmus am ehesten an einen Hybrid aus Folk und Punk erinnert. Doch eine Vielzahl neuer Impulse spielt in den aktuellen Sound hinein: Posaune, Cello, Klavier, Glockenspiel, wenn man es an Instrumenten festmachen will. Auch hört man mal die beiden Typen (Bene Diktator, Herr Bottrop) bei einem Lied singen - nicht ausschließlich bloß Apocalypse Vega. Sogar der gute alte Antagonist der Band, Opa E-Gitarre, hat es einmal aufs Album geschafft. Scheiß auf Regeln, gerade wenn es die eigenen sind. Als Produzent fungierte erstmalig Kurt Ebelhäuser (Blackmail und ähnliches), der Rick Rubin aus dem Raum Koblenz. Es ist schwierig, bereits bekannte Texte von Acht Eimer Hühnerherzen zu toppen. Sich selbst zu toppen, das ist ja eh so neoliberaler Scheiß, den nur Idioten auch auf Kunst anwenden wollen. Dennoch bleibt der Eindruck, dass auf „musik“ die Sprache und die Storys tatsächlich noch mal an abstrahlender Faszination gewonnen haben. „Patientenverfügung“ zum Beispiel, der Titel bringt schon so viel mit an Verheißung und Unheilsahnung. Leichtfüßig nimmt der Text das alles dann auf und lässt nichts unversucht, einem Unruhe und Trost gleichermaßen zu spenden: „falls sich nix mehr in mir rührt + falls ich mal abhanden geh + dann nachts allein am rasthof steh + dann geht’s mir gut + und wie geht’s dir“. Die viel zu große Brille von Vega ist nicht so sehr ein Kaleidoskop sondern eher die „Spider-App“ des Handy-Displays, das ein paar mal auf den Boden knallte. Man sieht unzählige Brüche, es öffnen sich Programme, die man gar nicht auf dem Schirm hatte. Die Lyrik dieser Platte könnte so manchen Lesezirkel in den Irrsinn treiben, ich würde Kurse belegen, um mehr über diese aufwühlenden Miniaturen zu erfahren. An dieser Stelle sei nur mal der programmatische Einstieg erwähnt - also der allererste Satz von Vega auf „musik“: „für meine band bin ich ein zoni + und sie für mich ein kombinat“. Hiermit beginnt ein existenzialistisches Album, welches das Hühnerherzen-Prinzip neu zusammensetzt. Eines, das vielleicht sogar mehr Roadmovie denn Songsammlung ist - Reisen im eigen Land können so schön sein, wenn man dafür nicht mal das Haus verlassen muss. Danke fürs Durcheinanderbringen, danke für all den Spleen, thank you for the „musik“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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