Leto

Eine weitere Band aus Hamburg auf dem Hamburger Label Rookie Records. Postpunk mit Emo- und Indie-Anleihen, halbwegs junge Männer, die gerne Turbostaat, Captain Planet, Muff Potter und Love A hören und die man auf eben diesen Konzerten antrifft – außer bei Muff Potter. Die Spätfolgen von Punk haben in Hamburg und Umgebung besonders tiefe Spuren hinterlassen und Leto bewegen sich in diesen Bahnen mit einer beinahe beunruhigenden Sicherheit für einen Debütanten. Also alles wie schon oft gehört? Dann doch nicht ganz. Dieses Debüt erfüllt das Beschriebene und doch gelingt ihm mehr. Die zwölf Songs überzeugen mit einer überraschenden instrumentalen Komplexität, die insbesondere Phills Gitarrenspiel zu verdanken ist und dessen Beschäftigung mit Metal und Hardcore neben deutschsprachigem Punk maßgeblichen Einfluss auf diese Überraschungsmomente besitzt. Die beiden Sänger Jannes (Gitarre) und Paul (Bass) führen scharfsinnige Texte in wechselnden Farben und Stimmlagen von Emo-Elementen bis zu glasklarem Gesang aus und hinter allen und allem hält Drummer Pascal der Band mit der Präzision eines Uhrwerks den Rücken frei. Am 15. Juni ist mit „Into the wild“ die erste Single des Albums erschienen. Der Song mit dem längsten Intro steht exemplarsich für ein typisches Leto-Merkmal: Zwischen sperrigen Strophen und überraschend hymnischen Refrains lotet die Band ihre Extreme aus. „Wir sehn alle gleich aus /  Wir sind alle gleich drauf / Die Dinge nehmen ihren Lauf / Wir singen alle: Scheiß drauf“ heißt es unter anderem und es trifft die Stimmung, die Leto umtreibt. „Wir wollten ein Album über den Zerfalls eines prosozioalen Miteinanders schreiben“, so die Band über ihre Arbeit an Vor die Hunde. Das Hamsterrad, die persönliche Standortbestimmung, der Wettbewerb, höher, schneller, weiter – von all dem erzählen die zwölf Songs. Düstere und schrägere Klänge wie in „Lego“ („Wo fängst du an, wo hört sie auf? / Wo fängt sie an, wo hörst du auf? / Wann hört ihr endlich damit auf?“) wechseln mit tanzbarem, melodiösem Pop-Punk in „1000“ („All die Fragen hast du mir verraten / nur beantworten muss ich sie selbst“) oder „Licht im Fenster“ („Doch von deinen zwei Wänden bröckelt der Putz / Fallen die Fotos rauf auf den Schutt / Und es lösen sich die vergilbten Gardinen“). Bis zu brachialeren Tönen, die ab Sekunde 1 mitten ins Gesicht schlagen in „Anja und Peter“ („Anja, hast du das schon gehört? / Hast du das Video gesehn? / Ach, Peter, ist doch kein Problem / Das kann doch jedem mal geschehen“) variieren Leto die Möglichkeiten des Genre-Mixes. "Karma“ haben die beiden Sänger Jannes und Paul aufgrund einer denkwürdigen Situation geschrieben: Im rappelvollen Regionalzug, mitten im Feierabendverkehr, stehen sich die Leute im sogenannten Ruhewagen auf den Füßen, kämpfen um Platz, mehrere Menschen telefonieren oder sind einfach nur genervt. Zwei Frauen um die Mitte 40 fangen an, sich lauthals über ein Telefonat aufzuregen, das ein Mensch nichtdeutscher Herkunft führt. Es fallen erste rassistische Sprüche – schnell geht es unter die Gürtellinie. Nachdem die beiden anfangen, den Fahrgast anzuschreien und ihn auf seine vermeintlich afrikanische Herkunft zu beschränken, wird der Schaffner hinzugezogen, der alle anderen Telefonate übersieht und den eingeschüchterten Fahrgast in die Schranken weißt: „DU! Ey, DU! So, mein Bruder, Telefon weg oder du fliegst raus hier!“ (selbst für ein ‚Sie‘ war hier wohl kein Platz.) Die Frauen bestätigen den Schaffner und sprechen den Rest der Fahrt laut über vermeintliche Ausländerprobleme und ihre eigentliche Hilfsbereitschaft. „Aber irgendwo hört es auch auf.“ Keiner sagt was zu den beiden Frauen – es herrscht eine angespannte Stimmung. Karma: "Die Welt geht vor die Hunde / Ich würd ja helfen, nur nicht heute / Ich kann es nicht mehr schlucken / Mich nicht mehr weiter ducken / Jedes Wort ein Schlag / Life hits me hard, life hits me hard"

 

 

 

 

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