Kettcar

Sie überrennt dich erstmal, die Wucht dieses Stücks. Adrenalin. Die erste Single aus dem neuen Kettcar-Album "Gute Laune ungerecht verteilt". Das ist kein simples Hallowach, das hier ist ein Alarmstart. Kettcar sind zurück: „Mein Herz ist ein totgeschlagenes Robbenbaby“ sprechsingt Marcus Wiebusch in „München“ und die Zeichen, sie stehen auf Sturm. „München“ ist kein gefälliger Indierocksong für Zwischendurch, Text und Musik sind so brisant, vermitteln den Eindruck, als könnten sie der unmittelbare Aufschrei auf die Enthüllungen um eine allzu einflussreiche Rechtspartei sein, die sich bereits Pläne zu „Remigration“ zusammenfabuliert - und damit nichts anderes als Deportation meint. In „München“ geht es um unlöschbar schwelende Diskriminierungserfahrungen, darum, wie es ist, immer der*die Andere zu sein, bestenfalls ein Add-On zur Mehrheitsgesellschaft. Es geht darum, wie der „positive Rassismus“ des „Darf ich mal dein schönes schwarzes Haar anfassen?“, nahtlos in Alltagsrassismus übergeht. Selbst der Geburtsort München-Harlaching, ein deutscher Pass schützen nicht vor dieser einen Frage, die der Refrain zitiert: „Wo bist du eigentlich hergekommen?“ Dieses Stück ist die Kettcar-Version von „Eure Heimat ist unser Alptraum“, dem großartigen Sammelband von Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah, der den bundesrepublikanischen Alltag aus migrantischer Perspektive betrachtet. Kettcars Powerchord-Empathie war vielleicht noch nie so kostbar, sie besitzt gleichsam etwas Tröstliches wie Kämpferisches. Man ist nicht allein mit seiner Verzweiflung und man lässt auch die Anderen nicht allein. Der Text könnte dabei genauso auf Hamburg-Eppendorf verweisen, oder Köln-Holweide oder fucking Hannover. Doch bei all der aktuellen Aufgeladenheit ist „München“ nicht bloß Liveticker einer falsch abgebogenen Gegenwart. „Diesen Yachi aus dem Text gibt es wirklich“, erzählt Reimer Bustorff, „wir haben zusammen Fußball gespielt, seine Eltern kamen aus der Türkei. Der hat das damals in den Achtzigern schon so erlebt – und ich will mal behaupten, seitdem hat sich nichts zum Guten verändert.“ Die meisten Texte schreibt Sänger und Gitarrist Marcus Wiebusch, manchen bringt wie in diesem Fall aber auch Bassist Reimer ein. Und natürlich nehmen weiterhin Erik Langer, Christian Hake, Lars Wiebusch großen Anteil an der Entwicklung dieser wirklich außergewöhnlichen Band. Nur die Stimme im Pre-Chorus des Songs muss man nicht kennen. Also eigentlich schon, aber zumindest nicht von Kettcar. Man hört Chris Hell von der Band Fjørt, sein Gesang baut noch mal Spannung auf zu den atemlosen, gesprochenen Passagen von Marcus. Die Gaststimme als Ufo im Song, um das Punkbrett noch mal aufbohren. Es gelingt. Kettcars aktueller Sound befeuert auch den musikalischen Zeitgeist, der mit Acts wie Idles oder Fountaines DC gerade auf Postpunk steht. Was allerdings Zufall ist, denn Zeitgeist - das ist sicher kein Fetisch dieser Band. „München“ jedenfalls stellt nicht bloß eine Single dar, sondern auch den ersten neuen Track, der hinleitet auf das Album, das im April erscheinen wird: „Gute Laune ungerecht verteilt“. Schön, dass ihr wieder da seid - und lasst uns gefälligst nie mehr so lang allein! Sie überrennt dich erstmal, die Wucht dieses Stücks. Adrenalin. Das ist kein simples Hallowach, das hier ist ein Alarmstart. Kettcar sind zurück: „Mein Herz ist ein totgeschlagenes Robbenbaby“ sprechsingt Marcus Wiebusch in „München“ und die Zeichen, sie stehen auf Sturm.

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